Die 7 Typen von Hochzeitsgästen

IMG_6777Ich gebe zu: Ich habe mich unzählige Male darüber aufgeregt, wie umständlich für mich Hochzeiten anderer Menschen sein können. Weil ich als Plus 1 auf Hochzeiten eingeladen war, bei der ich stundenlang anreisen musste und niemanden kannte; weil das Brautpaar beschließt, an einem Freitag zu heiraten und damit ein Urlaubstag futsch war; weil ich gerade so viel zu tun hatte, dass ein ganzes Wochenende auf einer Hochzeit mir eigentlich viel zu anstrengend war.

Jetzt, wo ich selber eine Hochzeit plane, wird mir aber noch klarer, was eine Einladung überhaupt bedeutet: Viel Wertschätzung dem Gast gegenüber. Wir haben wochenlang überlegt, wen wir einladen wollen und können. Von den rund 80-100 Gästen läd ja etwa die Hälfte schon mein Mann ein und abzüglich enge Familie, die dank Patchwork aber schon wieder recht groß ist, blieben nur wenige enge Freunde übrig – bei denen man aber ja auch oft noch den oder die Partner*in mitdenken muss. Nach viel Hin- und Herüberlegen musste ich dann auch schweren Herzens viele Freunde und Bekannte von der Liste streichen. So ähnlich geht es wohl den meisten Paaren.

Beim Warten auf Zu- und Absagen trennt sich dann aber wohl die Spreu vom Weizen, was in einigen Fällen wirklich eine überraschende Erkenntnis für mich war. Hier exemplarisch 7 Typen von Hochzeitsgästen:

  1. „War doch klar, dass ich komme.“
    Manche Gäste sagen nicht extra zu, weil sie davon ausgehen, dass eh klar ist, dass sie kommen. Etwa Familie, beste Freundinnen und Freunde und andere Gäste, mit denen man meist schon vor der Hochzeit gesprochen hat, ob der Termin für sie passt.
  2. „Komme, was wolle, ich komme.“
    Manche Freunde freuen sich so mit, dass sie von allen widrigen Umständen nicht abhalten lassen. Eine von uns eingeladene Familie hat gerade sein 2. Kind bekommen und wohnt über 500 Kilometer entfernt. Sie kommen trotzdem und fragen sogar noch nach, welche Farbe die Kleider der Kinder haben sollen. Zwei Freundinnen reisen den Tag vor der Hochzeit mit mir an, damit wir noch einen ruhigen Abend zusammen verbringen können.
  3. „Ja, bin ich dabei und freu mich!“
    Die nette Variante: Nach ein paar Tagen hat man eine Mail im Postfach mit der Zusage und ein paar Zeilen, dass man sich freut, eingeladen zu sein. Das war der Großteil der Gäste, von denen einige auch sehr viel Hilfe angeboten haben, um die Organisation der Feier zu stemmen. Einige davon müssen auch von weit her anreisen oder haben stressige Jobs, stellen aber gar nicht infrage, zuzusagen.
  4. „Schade, ich kann nicht.“
    Die höfliche Variante gibt es in ehrlich und unehrlich. Manche können wirklich nicht, weil sie gerade dann in eine andere Stadt umziehen, eine andere Hochzeit stattfindet oder sie gerade dann hochschwanger sind. Anderen ist es einfach nicht so wichtig, weil sie mit dem Brautpaar nicht so eng befreundet sind oder der Aufwand für die Anreise zu hoch ist. Beides ist meiner Meinung nach völlig ok, wenn man das auch zügig kommuniziert. Das Brautpaar kann dann nämlich noch unauffällig andere Freunde „nachladen“ die man ursprünglich gern dabei gehabt hätte.  Bis zu dieser Variante sollte es eigentlich jeder schaffen, der nicht spontan schlimm krank wird.
  5. „Ich schau mal, was ich an dem Tag so vorhabe.“
    Es könnte ja so einfach sein: Man wird 9 Monate vorher eingeladen, trägt sich den Termin im Kalender ein und nimmt keine anderen Sachen für das Wochenende an. Offenbar fällt das einigen Menschen zu schwer. Sie verschieben sowohl Zu- und Absage immer wieder – und das auch nur auf Nachfrage. Nervig, zumal man als Brautpaar immer mehr zu organisieren hat, als man vorher dachte. Gästen hinterherzurennen, kann man sich sparen.
  6. „Ach so, ja, ich kann da übrigens nicht.“
    Es gibt tatsächlich Menschen, die einfach nicht auf ein Save-the-Date und einen nachfolgende Einladung antworten. Auf Nachfrage heißt es dann: „Ah, nee, da kann ich nicht, aber viel Spaß.“ Ernsthaft? Das ist keine fucking Geburtstagsparty in einer Kneipe.
  7. „Ich komme. Ach nee, doch nicht.“
    Die Variante lässt mich tatsächlich an Freundschaften zweifeln. Ein paar Tage vor der Hochzeit – am besten noch nicht mal persönlich – abzusagen, obwohl Wohnungen gebucht, Menüs bestellt und Sitzordnungen geplant sind, ist einfach rücksichtslos. Klar, wenn man schlimm krank wird oder einen Todesfall in der Familie hat, geht es nicht anders und dann tut es mir vor allem leid. Aber die Begründung: Es ist gerade so stressig und ich brauche „Me-Time“? Du hast bald nur noch yourself.

Vielleicht ist einigen Menschen nicht bewusst, wie viel Zeit, Geld und vor allem Nerven eine Hochzeit kostet und das eine Absage für diesen Tag ein bisschen auch eine Absage an die Gastgeber ist, weil es offensichtlich nicht wichtig genug ist, seine Bequemlichkeit zurückzustellen. Manchmal steckt auch vielleicht etwas anderes dahinter: Bei meinem Trauzeugen war ich ebenfalls Trauzeugin und gerade in einer ziemlich miesen Verfassung – nach fast 5 Jahren hatte ich mich gerade von meinem Freund getrennt und dann lief auch noch mein Arbeitsvertrag aus. Die Aussicht, als einziger Single auf einer Hochzeit die Trauzeugin zu sein, bei der ich dann beim Smalltalk auch noch sagen musste, dass ich gerade auf Jobsuche war, war: Nicht cool. Mir tut es heute noch leid, dass ich deswegen auch wohl keine besonders herausragende Trauzeugin war. Aber das war sein Tag und da muss man dann auch einfach mal durch – oder ehrlich und früh sagen, dass man nicht kommen kann.

(Ich überlege ja wirklich, ein Buch über den Wahnsinn Hochzeit zu schreiben. Über eure Kommentare und Erfahrungen bei Hochzeiten freue ich mich deswegen sehr!)

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„Das Leben beginnt nicht mit drei Kilo weniger“

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Schon mal was von „Cankles“ gehört? Die Wortschöpfung aus Wade (englisch: calf) und Knöchel (ankle) bezeichnet den Schönheitsmakel einer dicken Fessel. Ganz schön kreativ, diese Frauenzeitschriften, wenn es darum geht, uns einzureden, dass wir definitiv noch Verbesserungspotenzial haben.

Corinne Luca nimmt in ihrem ersten Buch Am liebsten sind mir die Problemzonen, die ich noch gar nicht kenne auf sehr amüsante Weise dieses ernstes Thema auseinander: Welches Bild vermitteln uns Frauenzeitschriften über Frauen? Die Antwort kann ich vorwegnehmen: Eins, das auf perfektes Aussehen reduziert ist. An langen Wimpern, straffen Schenkeln und glänzendem Haar hängt jetzt unser Lebensglück. Und wenn diese Problemzonen bearbeitet sind, suchen sich die Zeitschriften neue, zu optimierende Körperstellen. Wir sollen unsere Achseln aufhellen, unsere Schamlippen operieren oder unsere Beine dünner schminken.

„Schönheit wird zu einem Projekt, an dem wir auch scheitern können“, schreibt Luca. Selbst schuld also, wenn du nicht diszipliniert genug bist oder nicht genug Geld investierst, damit du „sexy“, „atemberaubend“ oder „heiß“ bist. Corinne Luca zitiert oft aus Frauenzeitschriften und man weiß manchmal nicht, ob man lachen oder weinen soll. Was sie selbst beim Schreiben bewegt hat, hat sie mir für meinen Blog beantwortet.

Wie kam dir die Idee zu dem Buch?

Auf meinem Blog schaue ich schon eine Weile immer mal belustigt bis kritisch auf das, was von Frauen so aussehens- und verhaltenstechnisch erwartet wird. Ich habe mich riesig gefreut, dass es mit dem Buch geklappt hat, weil ich glaube, dass es in dieser langen Form noch ein bisschen mehr Sinn macht. In einem Blogpost kann man punktuell sagen, was schräg ist. Im Buch konnte ich die Hintergründe erklären, was die Zeitschriften und die Industrie nämlich eigentlich davon haben, wenn wir alle ein bisschen unsicherer sind.
Wie viele Zeitschriften hast du insgesamt gelesen und ausgewertet?
Vor genau einem Jahr im September habe ich angefangen zu schreiben und dann zwei Monate lang das Zeitschriftenregal leer gekauft. Ich würde sagen, 90 Prozent der Beispiele stammen aus diesen beiden Monaten. Ich war selbst überrascht, dass es so gut funktioniert hat, also mehr überrascht, wie viel Quatsch man immer noch in jeder einzelnen Zeitschrift findet. Ich wollte nämlich nicht das Buch mit Beispielen füllen, die ich über Jahre mühsam zusammengesammelt habe. Denn die komischen Botschaften sind schon ziemlich allgegenwärtig.
Was ist der absurdeste Beautytipp, der dir bei der Recherche aufgefallen ist?
Mein Favorit ist immer noch, die Kiwi mit Schale zu essen, weil die 2g Ballaststoffe mehr irgendetwas für die Fettverbrennung tun. Wie man so etwas in den Druck geben kann, ohne dass es bei einem selbst klingelt, ist mir schleierhaft. Aber es sagt eben auch etwas darüber aus, wie man seine Leserinnen sieht.
Auch in den von dir kritisierten Zeitschriften wird vermehrt das Thema Body Positivity aufgegriffen. Glaubst du, das Frauenbild ändert sich langsam?
Klar ändert sich langsam etwas am Frauenbild. Was mir bei dem Buch aber aufgefallen ist, ist dieses: Ich glaube, wir neigen dazu, weil wir uns viel im Internet bewegen und Instagramaccounts folgen, die es anders machen oder Blogs lesen, die kritisch sind, zu denken, dass wir schon weiter sind. Und dann schreiben wir Texte, dass uns mittlerweile auch Body Positivity nervt. Im Fernsehen, in den Zeitschriften, auf den großen Onlineportalen ist aber noch vieles beim Alten. Die berichten dann vielleicht neu über Influencerinnen, aber die sind auch jung, blond, langhaarig und langbeinig und unterscheiden sich in der Perfektion eigentlich kaum von einem Modell der 90er. Und, darum geht es ja auch im Buch, oft sind die paar Streusel „Anderssein“ nur ein Feigenblatt.
Hat sich dein eigenes Verhalten durch das Schreiben des Buches verändert?
Ich würde sagen, ich habe selbst eine Entwicklung durchlaufen. Als Teenie bis Anfang meiner Zwanziger habe ich viel von diesen Sachen gelesen, dann kam bei mir eine Antihaltung und ich habe zum Beispiel lange Zeit auch aus Prinzip kein Make-Up getragen. Dabei habe ich aber gemerkt, dass ich schon einen Teil meiner Persönlichkeit beschränke und das ist doch blöd. Genau darum geht es mir auch in dem Buch und deshalb endet es mit dem Ruf nach dem Finden der eigenen Schönheitsgeschichte. Sich schön machen und schön fühlen ist eben sehr belastet – mit Ansprüchen, die man nicht erfüllen kann und Verdammung in die andere Richtung. Ich glaube, wir sollten hier versuchen, uns das Ganze wieder zurückzuerobern und die ganzen Bedeutungen von außen einfach in die Tonne treten.
Danke für das Gespräch, Corinne!

#FrauFlieder

Ich habe vor Kurzem geheiratet. Die Frage, die mir oft vor der Hochzeit gestellt wurde: Behälst du deinen Namen? Vor 10, 20 Jahren hätte das vermutlich gar nicht zur Diskussion gestanden. Da war klar: Die Frau nimmt den Namen des Mannes an. Egal, ob frau danach statt „Sonnenschein“ „Kryzinzikomski“ heißt oder einen Nachnamen bekommt, der sich mit ihrem Vornamen schlimm beißt. Insofern freute ich mich über die freie Entscheidung.

Am 1. April 1994 trat das neue Familiennamensrechtgesetz in Kraft. Seitdem müssen sich Verlobte nicht mehr für einen gemeinsamen Ehenamen entscheiden und können  gleichberechtigt darüber diskutieren, wie sie nach der Trauung heißen möchten. Über 90 Prozent entscheiden sich dabei für den Namen des Mannes. 

In meinem Umfeld gibt es viele Frauen, die ihren Namen behalten haben. Das liegt daran, dass die meisten die 50er Jahre weit hinter sich gelassen haben, sich im Beruf im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen gemacht haben und diesen nicht eintauschen wollen und/oder den Namen als Teil ihrer Identität empfinden. Das kann ich nachvollziehen. Mein Blog heißt nunmal sarawesterhaus.com und kann auch nicht einfach umbenannt werden. Wenn man „Sara Westerhaus“ googelt, findet man alle Artikel, die ich in den letzten Jahren – fast Jahrzehnten – geschrieben habe. Warum sollte ich das aufgeben? Und ist das nicht unfeministisch?

Einige Freundinnen und Bekannte nahmen nach der Hochzeit den Namen des Mannes an, obwohl sie als Familiennamen eigentlich ihren Namen lieber gehabt hätten. In diesen Fällen war es dann aber fast immer der Mann, der dagegen war („Weil man das eben so macht“). Manche nahmen den Namen auch selbst einfach so an, ohne groß darüber nachzudenken. Beides finde ich sehr schade.

Neben der Statistik und den Erfahrungen im Freundeskreis zeigt auch die Recherche in Foren: Wirklich angekommen ist die Gleichberechtigung in den Köpfen noch nicht. Und das gilt auch für Frauen, die es als „unmännlich“ ansehen, wenn der Mann den Namen der Frau annimmt:

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Warum dann #FrauFlieder?

Persönlich kann ich nur sagen, ein „neuer“ gemeinsamer Familienname macht für mich den Schritt in eine eigene Familie deutlich, deswegen bin ich für den gleichen Nachnamen. In meinem Fall gewann der Name des Mannes, weil er a) einfach schöner ist und b) weil außer mir und meinem Vater niemand in der Familie meinen alten Namen trägt (wegen neuer Ehen und weil ich Einzelkind bin). Ich fand es aber auch etwas mühsam, dass ich das vor meinen feministischen Freunden rechtfertigen musste, denn die Entscheidung war lange überlegt und hatte ja gute Gründe.

Wie ist es nun, ein paar Wochen mit dem neuen Namen? Es ist schön, aber auch neu und ungewohnt. Am Telefon melde ich mich regelmäßig mit: „Sara Westerhaus, äh, Flieder.“ Beim Schreiben läuft es nur wenig besser:

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Dazu kommt, und das ist wirklich noch viel nerviger, als ich dachte: Man muss alle Ämter, Versicherungen, Ärzte, Banken, Vermieter usw. anschreiben. Die brauchen teilweise noch Bescheinigungen unterschiedlichster Art. Insgesamt hat es mich viele Anrufe, Briefe, Recherche, Mails und Nerven gekostet, bis alles umgestellt war. (Ironischerweise war das vermutlich früher weniger anstrengend, weil da nicht die Frau den ganzen Papierkram mit Banken und Wohnung gemacht hat…)

Nun bin ich damit aber fast durch und freue mich über den neuen Familiennamen.  Flieder scheint mein Umfeld jedoch fast noch mehr zu begeistern als mich. Während ich damit eher die Hochzeit verbinde, werden vor allem meine Kolleg*innen sehr kreativ.

  • Vorgeschlagene Babynamen, obwohl gar kein Baby im Anmarsch ist: Jasmin, Rosa, Flora, Lila.
  • Wortwitze: Flieder, Freude, Eierkuchen. Fliederwochen. Die Fliedders.
  • Mögliche alternative Berufe: Groschenroman-Figur, Kinderbuchautorin, und, na klar: Floristin.

Was also machen mit dem Namen?  Das, was dich und euch glücklich macht. Vielleicht war genau das ausschlaggebend: Niemand hat mich gezwungen und ich hab es gern getan.

 

 

Hochzeitswahnsinn

Es gibt gefühlt 100.000 Bücher, Pinterestposts und Instastories über Hochzeiten und Hochzeitsvorbereitungen. Meist sind sie rosa illustriert und umfassen alle Klischees, die es rund um den „schönsten Tag im Leben“ gibt. Weil es offenbar Ziel jeder Frau ist, unter die Haube zu kommen und an dem Tag Prinzessin sein zu dürfen. Das klingt alles toll und nach Traumhochzeit.

Was das aber mit den Frauen macht, wird mir erst jetzt klar, wo ich selber in den Vorbereitungen stecke. Als ich den Termin zur Anprobe des Kleides machen wollte, hieß es gleich: „Dann dürfen Sie bis dahin aber nicht mehr abnehmen!“ Ich war ziemlich überrascht, weil ich davon gar nichts gesagt hatte. Gestern bei der Anprobe hab ich nachgefragt, ob es der Normalfall ist, dass Bräute zur Hochzeit abnehmen wollen. Die Schneiderin meinte, 95 % der Kundinnen wollen 5-6 Kilo abnehmen. Als ich nach 15 Minuten fertig war – nichts zu beanstanden, alles noch kurz abgesteckt und mit genug Spielraum in der Korsage, um Platz für Hochzeitstorte zu lassen), war sie total begeistert, weil meine Anprobe so einfach war. Die Kundin vor mir (die ich kurz noch gesehen habe; etwa 25 Jahre alt, 1,75 m groß und sicher nicht über 55 kg schwer) wäre drei Stunden zur Anprobe da gewesen. Die Mutter habe dauernd gesagt, wie schwabbelig sie an einigen Stellen sei und dass das Kleid die Problemzonen betonen würde. Man sähe die Falte an den Achseln (!!!). Die junge Frau habe weinend bei der Anprobe gestanden und die Schneiderin hat die Anprobe dann abgebrochen, weil sie die Situation einfach nicht mehr ertragen konnte und die Braut erlösen wollte.

Wenn man weiter auf Instagram und Pinterest nach Hashtags zum Thema Hochzeit guckt, findet man unzählige Diätratgeber und Anweisungen, wie man in Form kommt. Yay, damit man dann weinend sein Kleid ändern lassen muss, weil man es nicht geschafft hat, genug abzunehmen? Oder später die Bilder ansieht und denkt: Geil, für ein paar Wochen war ich dünn und sah so aus, wie ich vorher und nachher nicht aussehe? What the hell??
Der Bräutigam hat übrigens in dieser Welt genau 2 Aufgaben: Den Antrag machen und sich beim Junggesellen-Abschied mal so richtig abzuschießen. Danach ist der Spaß ja vorbei, während ich von vielen Frauen nach der Hochzeit höre: Juhu, endlich darf ich wieder essen.

Zwischen Yeah! und What?

Vor ein paar Wochen habe ich berichtet, dass ich bald einen Programmierkurs machen werde. Mit dem wenigen Vorwissen, dass sich darauf beschränkt, einen Text im HTML-Modus fett zu machen, startete ich in den Kurs. Mittlerweile habe ich die dritte Doppelstunde „Web Development“ mit Moinworld hinter mir.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich die ersten 5 Wörter Englisch lernte, stolz wie Oskar war und zugleich merkte: Der Weg, diese neue Sprache wirklich zu lernen, wird verdammt hart und lang. Da ist auf der einen Seite die Begeisterung, zusammen mit anderen, fabelhaften Frauen zu lernen, wie eine Website aufgebaut ist und wie man die Zeichenkolonnen in grafische Elemente umwandelt, die tatsächlich online sind. Dann der Spaß, wenn ich mich mit Kolleg*innen aus der IT über deren Anfänge mit HTML und CSS austausche. Aber eben auch auf der anderen Seite: Die Erkenntnis, dass ich Jahre bräuchte, um diese Sprache auch nur im Ansatz zu verstehen. Bei allen Frustmomenten überwiegt aber die Faszination über den strikt logischen Aufbau der Befehle, die weltweit einheitlich sind.

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Nach den Doppelstunden bin ich jedes Mal ziemlich geschlaucht von dem neuen Input – ein lockeres Hobby ist der Kurs nicht. Aber der Einsatz lohnt sich definitiv! Wer auch Interesse an dem Kurs hat: Im Beitrag von 80 Euro sind 5 Unterrichtsstunden à 90 Minuten enthalten. Jeder Kurs startet jeden Monat wieder neu, so dass du jederzeit wieder einsteigen oder weitermachen kannst. Am Ende jeden Kurses hast Du eine Website online, die Du der Welt zeigen kannst und eine Bescheinigung über Deine Teilnahme.

Meine Website findet ihr hier: https://saras-erste-website.firebaseapp.com/

The future is female? – Nicht in der IT-Branche

„Die IT-Branche braucht mehr weibliche Vorbilder“ schrieb die Zeit schon vor über einem Jahr und auch 2017 heißt es noch: „Das Silicon Valley ist männlich und weiß„. Nur 15 Prozent Frauen arbeiten in IT-Berufen. Und nur 23 Prozent Frauen studieren Informatik. Dabei werden Fachkräfte in dem Bereich händeringend gesucht: Laut Bitkom gibt es derzeit rund 41.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland. Gut bezahlt sind diese Jobs mit einem Anfangsgehalt ab rund 40.000 Euro auch. Führungskräfte mit Berufserfahrung bewegen sich sogar im Bereich zwischen 66.000-116.000 Euro. Klingt verlockend und zukunftsorientiert – und dennoch schrecken viele Mädchen und Frauen vor einer IT-Karriere zurück.

Eine, die das ändern will, ist Anja Schumann. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Moinworld e.V., einer Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der weiblichen Software Entwickler und Manager im IT Bereich auf 50 Prozent zu erhöhen. „Wir wollen die IT-Welt positiv verändern, in dem wir mehr Frauen und Mädchen für das Programmieren begeistern und sie in Ihrem Werdegang unterstützen“, erzählt sie in einem Interview. „Unsere Zukunft ist digital und Frauen und Männer sollten diese Zukunft gemeinsam gestalten können. Software verändert alle Bereiche, egal welchen man sich anschaut: Landwirtschaft, Automobilindustrie, Handel. Es wäre ein großer Vorteil, wenn ein größerer Teil der Bevölkerung diesen Code lesen und schreiben kann. Nicht nur, weil wir damit das Fachkräfteproblem lösen, sondern auch, weil wir alle wissen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse hervorbringen.“

Damit das gelingt, bietet sie verschiedene Programmierkurse für Frauen an: In 10 Unterrichtsstunden kann man WordPress, Web Development oder Python lernen. Die Kurse sind echte Schnäppchen und werden quasi zum Selbstkostenpreis von 80 angeboten.

Am Dienstag startet für mich der Selbstversuch: Ich wage mich ans Programmieren. Ich bin neugierig, wie es wird, denn auch, wenn ich recht technikaffin bin, beschränkt sich das bisher doch eher auf die Anwendung. Nützlich wird es aber allemal, weil ich danach besser verstehe, was mir meine IT-Kollegen erzählen – zwei von ihnen sind übrigens weiblich.

Wenn Joggen zum Spießrutenlauf wird

Oder: Was Sport mit Gleichberechtigung zu tun hat.

Nachdem ich ein paar Tage in Folge beim Laufen blöd angequatscht wurde, postete ich diesen Kommentar auf Facebook:

Da ich erst seit 10 Jahren mehrmals die Woche jogge, zweimal Marathon, fünfmal Halbmarathon und diverse andere Wettkämpfe lief und somit blutige Anfängerin bin, bin ich so unglaublich DANKBAR dafür, dass mich fremde Männer beim Joggen ansprechen und mir ungefragt wertvolle Tipps geben.

So wie heute, als mir ein Mann mittleren Alters riet, niemals stehen zu bleiben (und stattdessen über die rote Ampel zu laufen, an der ich stehen blieb und ihn einige Meter weiter locker überholte, woraufhin er tief getroffen ein „Ohhh…“ von sich gab.) Oder so wie gestern, als ein Mittfünfziger mich aufklärte, dass ich „es nicht nötig habe, Sport zu treiben“, da ich ja „so eine gute Figur“ habe.

Morgen gegen 11 Uhr werde ich an der Alster laufen und würde mich über weitere hilfreiche Bemerkungen zur Optimierung meines Körpers freuen.

Ich laufe übrigens einen Schnitt von 5 Min/km. Wem das zu schnell ist, darf Bemerkungen auch gern in die Kommentare posten.

Nahezu alle Kommentare waren positiv und da der Post von mir die eher lustigen Erlebnisse abbildet, verwundert das nicht. Ein Bekannter schrieb aber darunter:

Wow! Die Sara Westerhaus kann es! Ist schnell und schön. Und schön schnell. Gut, dass nun alle es wissen, die es bislang nur gahnt haben, wie schnell und gut sie ist. Wow!

Da wurde mir wieder klar: Da hat es jemand so gar nicht verstanden. Es ging nicht eine Selbstbeweihräucherung (dann hätte ich ein halbnacktes Selfie und meine Bestzeit posten können), sondern darum, dass ich verdammt noch mal einfach in Ruhe laufen will.

Die blöden Sprüche an der Ampel sind nur die eine Seite. Die andere Seite ist nicht im Ansatz lustig. Und noch weniger sind es die Reaktionen darauf. Die andere Seite ist: Verfolgt und begrapscht werden. Nicht in in Ausnahmefällen, sondern in der Regel.

Beim Strandurlaub wurde ich beim Joggen TÄGLICH verfolgt. Männer und Jungs liefen neben mir her und riefen mir Sprüche zu. Beim Joggen in Spanien, wo ich mehrmals Urlaub machte und viel joggen ging, fuhren Männer – oft in Gruppen – im Schritttempo neben mir her, hupten und forderten mich auf, einzusteigen. Beim Joggen im konservativen Münster war es an der Tagesordnung, dass mir hinterher gehupt wurde. Radfahrer fahren neben mir her und rufen anzügliche Dinge. Einer fuhr sogar an mir vorbei und schlug mir währenddessen auf den Hintern.

Es nervt. Es frustriert. Und trotzdem weiß ich: Ich bin immerhin eine Frau, die sich wehrt. Die weiß, dass das Verhalten der Männer nicht ok ist und die es gegebenenfalls ignoriert. Die Likes für einen Post bekommt, wenn sie sich über die Sprüche aufregt. Und in den Ausnahmefällen, in denen mir Männer gesagt haben, ich solle „das doch als Kompliment auffassen“, wenn mir hinterhergepfiffen wird (WTF?!), fange ich eben eine Diskussion an.

Viele junge Mädchen und auch Frauen haben den Mut aber vielleicht nicht. Weil sie in Gesellschaften aufwachsen, in denen Frauen und Mädchen eh schon keine Rechte haben. Oder weil sie sich eh schon zum Sport überwinden müssen, weil sie sich in ihrem Körper vielleicht nicht so wohlfühlen. Weil die Sprüche vielleicht keine netten sind, sondern Beleidigungen. Und diese Frauen und Mädchen trauen sich dann vielleicht nicht mehr, in der Öffentlichkeit Sport zu machen.