Zu dick für Schokolade?

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Meine Schokoladensucht dürfte bekannt sein. Ich komme nicht davon runter – will ich aber auch nicht. Trotzdem kommt es hin und wieder vor, dass ich Sätze fallen lasse wie „Ich kann nicht damit aufhören“, wenn ich auf der Arbeit schon wieder ein Stück aus dem Bürovorrat stibitze oder „Ich habe gestern eine ganze Tafel verdrückt.“, wenn mich das schlechte Gewissen wegen zu viel Zucker plagt. Die Reaktion darauf ist in den meisten Fälle diese: „Mit deiner Figur kannst du es dir ja leisten.“ Das ist absurd. Mit welcher könnte ich es mir denn nicht leisten? Mit 5 Kilo mehr? Mit 10 Kilo? Mit 15?

Die Häufigkeit dieser Antwort ist erstaunlich und erinnert an das Quiz Familienduell: „Wir haben 100 Leute gefragt,…“. Davon antworten rund 80 – davon in der Regel hauptsächlich Frauen – mit dem diesem oder ähnlichen Sätzen. Muss man sich für den Konsum von Schokolade rechtfertigen? Und warum hängt es vom Gewicht ab, was man essen darf und was nicht? Eigentlich sollte doch nur die Schokolade selbst ins Gewicht fallen: Zuviel ist einfach nicht gesund – egal, wie viel oder wenig man wiegt.

Kathrin Weßling hat kürzlich auf Mit Vergnügen Hamburg einen wunderschönen Text darüber geschrieben, dass es oft und gerade Frauen sind, die andere Frauen kritisch beäugen:

Aber ich erinnerte mich an all die Male, in denen Freundinnen, Kolleginnen, Bekannten die schärfsten Worte über andere Mädchen über die Lippen gingen. Worte, die gehässig waren. Worte wie: „Alter, wenn ich so eine Figur hätte, würde ich nicht so einen Rock tragen.“

Ich habe mich ertappt gefühlt. Obwohl ich in einer Welt groß wurde, in der es noch keine #Bikinibridge oder #Oberschenkellücke gab, schießt auch mir immer mal wieder dieser Gedanke durch den Kopf. Bis mir wieder bewusst wird, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Es ist mutig, mit einem nicht „perfekten“ Körper (wer auch immer das definiert), alles zu tragen – und zu essen – mit dem man sich wohlfühlt. Und ich weiß nicht, ob ich selbst den Mut dazu hätte, wenn ich wirklich übergewichtig wäre.

Ich bin mit meiner Figur zufrieden und dank guter Gene, einem hohem Bewegungsdrang und etwas Disziplin fällt es mir nicht so schwer, sie trotz täglichem Kakaokonsum zu halten. Und obwohl ich mich, seit ich 16, bin zwischen Kleidergröße 32 und 36 bewege, musste ich mir oft Sprüche anhören. Den einen war ich zu dick, den anderen zu dünn.
Als ich mit 17 Jahren durch die Pubertät zunahm und 52 Kilogramm wog, hieß es, ich hätte „ganz schön zugelegt“ und bekam Tipps, welche Oberteile meinen Bauch kaschieren.
Als ich mich von meinem ersten Freund trennte und aus Liebeskummer drei Kilo abnahm, bekam ich Komplimente – statt Anteilnahme.
Ein Mann sagte mir beim ersten Date, wenn ich Schokolade direkt nach dem Frühstück essen würde, mache sie weniger dick.
Ein Ex-Kollege fragte, ob ich magersüchtig sei, weil ich nicht mit zum Mittagessen gehen wollte.
Es hat lange gedauert, über solchen Sprüchen zu stehen. Ich nehme sie mir nicht mehr zu Herzen, aber sie nerven mich noch immer. Weil sie Druck ausüben, ein falsches Bild vermitteln und ein ungesundes Verhältnis zum eigenen Körper vermitteln.
Und wenn die Kathrin mit diesem Aufruf schließt:

Vergesst das nicht, wenn ihr das nächste Mal vorm Spiegel steht und denkt, ihr „dürftet“ keine kurzen Kleider und Hosen tragen, obwohl es 30 Grad draußen sind. Ihr dürft. Aber sowas von. Denn die Wahrheit ist: Dieses Monster sitzt nur im Kopf. Und es hat noch nie zu irgendwas geführt, außer zu Tagen in viel zu warmen Hosen und zu dem Gefühl, dass sich selber zu hassen normaler ist, als sich selber zu mögen.

Dann will ich appellieren: Macht den Mädels Komplimente, wenn sie sich was trauen, wenn sie essen, worauf sie Lust haben und wenn sie tragen, was sie schön finden.

 

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