Abschiedsbrief: Danke, Hamburg, für eine zerstörte Liebe

Kurz nachdem ich laufen konnte, konnte ich als Kind Radfahren. Seitdem bin ich vom Drahtesel nicht mehr losgekommen. Ich bin jahrelang bei Wind und Wetter mit dem Rad gefahren. Im Dauerregen Münsters, im tiefen Schnee, in heißen Sommern. Ich habe Tische vom Flohmarkt auf dem Rad nach Hause transportiert, bin jeden Tag mindestens 15 bis 20 Kilometer gefahren und war – zugegeben – auch einige Male sehr betrunken unterwegs. Die Frage, mit dem Rad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar mit dem Auto zu fahren, stellte sich einfach für mich nicht.

Es war eine Liebesgeschichte mit Höhen (neue Räder) und Tiefen (geklaute Räder), aber ich habe immer an sie geglaubt. Bis jetzt. Und Schuld an der Trennung nach über 25 Jahren ist das verfluchte Hamburg. Zwei Jahre lang habe ich es hier versucht. Bin auf Radwegen gefahren, die voller Schlaglöcher sind, holperig von Baumwurzeln, mit Scherben übersät, im Nichts oder vor Schildern enden, durch Bushaltestellen führen, zugeparkt sind, als Fußwege genutzt werden, plötzlich auf die viel befahrene Straße umgeleitet werden, im Winter nicht geräumt und im Herbst voll  mit rutschigem Laub und Kastanien sind. Habe mich von Autofahrern anschreien lassen, die mir die Vorfahrt genommen haben. Habe Fußgänger aus dem Weg geklingelt. Bin auf Kies und Laub ausgerutscht, habe nasse Kopfsteinpflaster überwunden und bin plötzlich aufgerissenen Autotüren ausgewichen. Aber jetzt will ich nicht mehr. Ich habe die Lust am Radfahren verloren; es ist der reinste Stress.

Es gibt nur wenige gute Tage für Radfahrer in Hamburg: Die Tage ohne ernste Lebensgefahr.

Und dabei könnte es so einfach sein, wenn man sich die Beispiele aus fahrradfreundlichen Städten wie Münster oder Kopenhagen ansieht. Städte mit Fahrradampeln, Radwegen so breit wie Autostraßen, schräg gestellten Mülleimern, um während voller Fahrt etwas reinwerfen zu können, Einbahnstraßen, die für Radfahrer in beide Richtungen geöffnet sind, ausreichend (und überdachten) Fahrradparkplätzen, vernünftigen Verkehrsführungen, bei denen Radfahrer nicht an einer Kreuzung vier Ampeln überwinden müssen. Städte, in denen keine Kriege entbrennen müssen zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern. Städte, die wirklich umweltfreundlich sind. Und nebenbei weniger durch Autolärm belastet sind, weniger verunstaltet durch Kolonnen parkender Autos und entspannt durch weniger gestresste Menschen, die sich schnell und ohne Parkplatzsuche von A nach B bewegen können.

Hamburg, beweg endlich deinen Arsch.

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