"Vegan essen macht einsam" – oder: Wie eine Reporterin ihre Klischees als Journalismus verkauft

Im spanischen Ferienhaus lag eine „Bild der Frau“ und ich – scharf auf Kreuzworträtsel – blätterte sie durch. Dabei stieß ich auf einen Artikel: „Das Vegan-Experiment! Ich hatte solche Sehnsucht nach Joghurt“. Zunächst freute ich mich darüber, dass sich die Zeitschrift auf zwei Seiten mit dieser Ernährungsweise auseinandersetzt; was ich dann aber zu lesen bekam, war alles andere als ein unvoreingenommenes Experiment. Vielmehr scheint es mir so, als habe die Autorin Cathrin Backhaus ihre vorurteilsbehaftete Meinung – vegane Ernährung sei nicht lecker, mache nicht satt, sei unpraktikabel und teuer – in die Form eines (angeblich) investigativen Artikels gegossen.

Gleich als Erstes fallen die zwei Bilder über dem Artikel auf, die Frau Backhaus am Frühstückstisch zeigen. Auf dem einen Bild sitzt die Reporterin glücklich strahlend mit Daunenjacke und Wollschal vor ihrem gewohnten Frühstück: Es gibt Nutella, Ei, Milch, Käse, Wurst, Schokolade und Gummibärchen. An Tisch zwei das gleiche Bild, jetzt allerdings nur noch mit den veganen Produkten: Frau Backhaus sitzt enttäuscht und frierend – weil ohne Wolle und Daunen – vor dem kläglichen Rest aus Tomaten und Brötchen. Ihr Fazit: „Viel ist nicht übrig geblieben.“

Bereits hier darf man sich darüber wundern, dass eigentlich klassische (und vegane) Frühstückszutaten wie Obst, Marmelade oder Gemüsebeilagen wie Gurken oder Paprika offenbar in der Welt von Frau Backhaus nicht vorkommen – stattdessen aber Schokolade und Gummibärchen. Und warum sie sich keine Fleecejacke anzieht, wo es doch so bitterlich kalt ist, erschließt sich mir auch nicht.

Mit dieser Erfahrung in den Knochen beschließt Frau Backhaus gleich am ersten Tag ihres Experiments, sich beim Veganismus fortan nur noch auf die Ernährung zu beschränken statt es auf den gesamten Lebensstil anzuwenden. Ihre mutmaßliche Leidensgeschichte aber findet damit kein Ende. Die Sojawurst beim Stadtbummel: Macht nicht satt. Das Tofu-Schaschlik „kaut sich wie Gummi.“
Mandelmus: Zu teuer. Cashewmus: Gibt es nirgends. Und so weiter: „Schmeckt fürchterlich“, „Habe dauerhaften Sägemehlgeschmack im Mund“, „Beim Sport bin ich schlaff und kraftlos. Kein Wunder.“ Zutaten sind „teuer“; kochen „irre viel Arbeit“.

An dieser Stelle sei Frau Backhaus die tollen Blogs Deutschland isst veganVeggie Love oder Achtung, Pflanzenfresser empfohlen. Sie werden ihr bei der Suche nach leckeren und auch einfachen Rezepten sicher helfen und zeigen günstige Alternativen.

Am Tag 5 dann die „Krise!“: Im Büro gibt es Käsekuchen, doch sie will sich nicht mit ihrer Ananas dazusetzen. „Keine Lust.“ Also folgert sie: „Vegan essen macht einsam.“ Logisch, oder? Menschen, die vegane Stadtfeste feiern, vegane Restaurants eröffnen, vegane Organisationen gründen oder einen Marathon laufen, müssen wohl eine krasse Ausnahme sein.

Nach 19 Tagen bricht die Autorin ihr Experiment ab, fährt zu McDonalds und bestellt Burger. „Hätte jetzt nie was Veganes auftreiben können“, schreibt sie und verschweigt, dass selbst McDonalds Salat und Pommes im Angebot hat. Alleine diese Anekdote zeigt, dass ihr an einem ernsthaften Experiment offenbar nie wirklich gelegen war. Wie befreit von der Last ihrer Recherche isst sie „in den nächsten Tagen Riesenmengen und bekommt trotzdem den Sojageschmack nicht aus dem Mund“. (Was für ein Quatsch!) Doch zum Glück kann sie jetzt ja wieder „Risotto mit Tomaten, Pilzen und Mozzarella“ schlemmen – übrigens bis auf den (nahezu geschmacksneutralen) Mozzarella ein veganes Gericht.

So zieht Frau Backhaus am Ende das Fazit, sie habe der Einstieg von 0 auf 100 komplett überfordert. In den 19 Tagen Veganismus war sie lediglich dreimal mit ihrem Essen zufrieden. Einmal gab es vegane Pfannkuchen zum Frühstück und zweimal vegane Rezepte aus dem Kochbuch von Attila Hildmann. Nicht einmal erwähnt sie, wie viele der täglichen Gerichte sowieso schon vegan sind oder sich sehr einfach veganisieren lassen: Das Obst zwischendrin, Fastfood wie Falafel oder Pommes, das Marmeladenbrot zum Frühstück, schnelle und einfache Gerichte wie Spaghetti mit Pesto oder Tomatensoße, Gemüseeintopfe, Cremesuppen, Gemüsepfannen, Salate, auch viele Süßigkeiten wie Zartbitterschokolade, Chips oder Salzstangen. Unerwähnt bleibt auch, wie viele vegane Rezepte durch Zutaten wie Couscous, Bulgur, Linsen, Hirse oder Grünkern Vielfalt in den Speiseplan bringen oder wie gut sich viele Sachen sogar beim Backen ersetzen lassen, ohne dass der Geschmack leidet. (Im Gegenteil!)

Echte Probleme hingegen erwähnt sie gar nicht: Nur beim Blick in die Zutatenliste zu erkennende tierische Zutaten wie Milchpulver, gar nicht gekennzeichnete tierische Zutaten, Gelatine in Tabletten.

PS: Immerhin kommt in einer kleinen Randspalte des Artikels ein Arzt zu Wort. Der bestätigt: „Wer sich vegan ernährt, leidet seltener unter Herz-Kreislaufproblemen oder Diabetes“, schiebt aber auch gleich hinterher, dass auch Fleischesser sich gesünder ernähren können als Veganer und sich jeder Veganer vom Hausarzt betreuen lassen sollte.

P.P.S.: Auch Be veggie hat über das Experiment von Frau Backhaus geschrieben.

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18 Gedanken zu “"Vegan essen macht einsam" – oder: Wie eine Reporterin ihre Klischees als Journalismus verkauft

  1. Herrlich – vielen Dank! Und ich kann Mausflaus nur zustimmen – ohne dich hätte ich auch sicherlich nie von diesem Artikel erfahren 🙂 Viele LGrüße, Katrin

  2. Was erwartet man denn anderes von der Zeitschrift? Hauptsache irgendwie Aufmersamkeit bekommen, und das geht eben auch indem man über eine andere Lebenseinstellung herzieht. Alles was nicht deren heile 'normale' Welt entspricht, passt da nicht rein.
    Und ganz ehrlich? Ich bezweifle ja das dieses „Experiement“ jemals stattgefunden hat. Da brauchte irgendeine einfallslose 'Journalistin' nur einen Aufhänger!

  3. Es heißt immer noch „Gelatine“! Ich weiß nicht, wieso das so oft falsch geschrieben wird… aber es stört mich einfach.
    Ansonsten: cooler Artikel und gute Hinweise (ich verweise auch gern auf „sowieso schon vegane“ Gerichte, wenn diese „aber kann das denn schmecken“-Debatte losgeht).
    Die Dame der Bild der Frau hat doch echt mal nur bestätigt, was sie vorher schon dachte. Auweia.

  4. Anonymous

    Eine Stammtischwahrheit mehr unter dem Deckmantel angeblich investigativen Journalismus verbreitet. Davon lebt die Zeitung mit den 4 großen Buchstaben. Alles andere wäre mal eine echte Überraschung gewesen.

  5. Möglicherweise ist die Dame der BILD der Frau bereits so stark vorurteilsbelastet an die Sache heran gegangen (Da frage ich mich, wie sie überhaupt dazu kam das „Experiment“ zu wagen?), dass es auch einfach Nichts werden konnte… Sie braucht wohl einfach auch noch ein wenig länger um im Jahr 2013 an zu kommen! (:
    Viele liebe Grüße, Lena

  6. Nun ja, Bild der Frau lesen ja vornehmlich Hausfrauen – oder eben Frauen mit Bock auf Rätsel 😉 Wenn ich in diesem Blättchen also Damen jenseits der 50 Jahre ansprechen muss, und auf den 25 davor liegenden Seiten Rezepte in Hülle und Fülle von Schweinsbraten bis Sahnetorte anpreise, kann ich ja nicht genau DAS schlecht machen! Ich denke, das Experiment hat bestimmt nie stattgefunden. Da wurden Klischees ausgepackt, Fotos gestellt und im Internet recherchiert. Schwache Leistung! Aber was will man erwarten…
    Ich bin übrigens selbst freie Journalistin und habe meine Umstellung von 0815 auf Vegan tatsächlich und 100pro redaktionell begleitet. Alles nachzulesen auf http://www.vegan-projekt.de

  7. cesari

    Vorsicht bei dieser Aussage „Risotto sei en veganes Gericht“!
    Wer in ein Restaurant geht, bekommt mit Sicherheit ein Risotto mit Geflügelbrühe und Parmesan verfeinert, eventuell sogar auch mit Mascarpone abgeschmeckt. Also Zutaten die alles andere als vegan sind!

  8. Vielen Dank euch allen für euer Feedback!
    Klar, ich halte auch nichts von der Bild, aber man muss sie ja auch nicht davonkommen lassen 😀
    Eine Richtigstellung und Kritik war mir deswegen wichtig. Zumal es ja nicht nur darum ging, dass der Autorin veganes Essen nicht schmeckt (damit kann ich durchaus leben), sondern sie Veganer diskriminiert – und das geht entschieden zu weit.

    Lena, danke für den Hinweis mit der Gelatine, das habe ich nun geändert.

    Cesari, auch du hast natürlich Recht mit deinem Einwand – das Grundgericht ist aber vegan gedacht. Im Zweifel muss man natürlich immer nachfragen.

  9. Liebe Sara, schön, dass du die Bild nicht davonkommen lässt. Eine gelungene Rezension zu einem, vermutlich vorsätzlich, misslungenem Vegan-Experiment. Danke dafür. Eine kleine Korrektur am Rande: Spagetti mit Pesto sind nur dann vegan, wenn es auch das Pesto ist. Üblicherweise tauchen aber Grana Padano, Pecorino oder Parmesan als Zutaten im Pesto auf. Es geht natürlich auch mit veganem Käseersatz.
    Ansonsten chapeau für deinen Artikel!

  10. Huhu!

    bin irgendwie erst jetzt auf deinen Post gestossen…
    Super, das du auch darüber berichtet hast. Danke für deine Verlinkung!

    Grüßle, Jessi

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