Fleischlos leben: Zwischen Mitleid und Provokation

Die Reaktionen von Menschen, die erfahren, dass ich vegetarisch lebe, könnten unterschiedlicher kaum sein. Von Interesse über Bewunderung bis Unverständnis ist mir so ziemlich alles begegnet. Interesse kommt häufig von Menschen, die sich mit vegetarischem Leben noch nicht viel auseinander gesetzt haben und mich nach den Gründen fragen. Viele denken, man sei besonders diszipliniert als Vegetarier, da man auf viele Dinge verzichten muss und mehr über das Essen nachdenkt. Dabei ist es zum einen so, dass ich ja nicht verzichten muss, sondern möchte. Und zum Thema Disziplin verweise ich auf meine Rubrik Schokolade. Einige empfinden diesen Lebensstil als Provokation und fühlen sich angegriffen – weil sie wissen, dass ihre Handlungsweise Konsequenzen für Tiere und die Umwelt hat, die sie selbst nicht verantworten möchten und durch Vegetarier immer wieder daran erinnert werden.

Dabei habe ich es noch relativ leicht, denn 1. bin ich „nur“ Vegetarier – Veganer dürften wohl noch krassere Reaktionen bekommen – 2. bin ich weiblich und so passe ich offenbar besser ins Schema als dies bei Männern der Fall ist und 3. wohne ich in einer Großstadt, in der es vegane Supermärkte und viele andere Vegetarier und Veganer gibt.

Neulich stieß ich in der Welt online auf den Artikel „Nüchtern“ von Benjamin von Stuckrad-Barre. Er beschreibt, wie und warum er den Schritt zum absoluten Nichttrinker gemacht hat und wie seine Umwelt darauf reagiert. Ganz abgesehen davon, dass ich ihm bei seinem Talent zu schreiben seine etwas großmäulige und prollige Art verzeihe, entdeckte ich auch eine Zitate, die auch auf die Entscheidung, vegetarisch zu werden, passen.

„Aufzuhören mag schwerfallen, nichts zu trinken aber ist dann in der Folge ziemlich leicht. Man lässt es einfach, und nach einer Eingewöhnungsphase denkt man gar nicht mehr darüber nach. Gar nix zu trinken bedeutet immer dasselbe: Nein, danke. Null bleibt null. Kann man sich gut merken.“
Treffer. Was sich viele nicht vorstellen können und ich auch (noch?) nicht auf den Veganismus anwenden kann, stimmt wirklich. Die Entscheidung zu treffen, kommt einem als riesiger Schritt vor – ist er getan, ist es auch einmal ganz einfach und irgendwie sogar befreiend. Eben, weil man sich NICHT jedes Mal vor die Frage gestellt sieht: „Esse ich das jetzt? Oder lieber nicht?“. Und auch, weil man durch diese Konsequenz offen wird für Alternativen und neue Rezepte.

Weiter schreibt Stuckrad-Barre:
„Natürlich kommt es hin und wieder vor, dass mir Alkohol regelrecht aufgedrängt wird, dass irgendeinem Normaltrinker mein striktes Nichttrinken keine Ruhe lässt, jetzt komm schon, hab dich doch nicht so und so weiter.“
Auch hier gilt: Es gibt natürlich Sprüche wie: „Iss doch die Suppe, du kannst das Fleisch ja drin lassen.“ oder „Aber es ist doch Biofleisch!“ oder „Auch keine Ausnahme an Weihnachten / bei selbst gefangenem Fisch / weil Oma extra gekocht hat“. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich eher selten das Gefühl habe, mich rechtfertigen zu müssen oder auf Menschen zu stoßen, die einfach nicht aufgeben, mir Fleisch aufzudrängen.

Stuckrad-Barre geht das beim Nichttrinken anders:
„Ich verstehe das. Diese durchaus gängige Rücksichtslosigkeit, die es manchem Abstinenzler unmöglich macht, an abendlichen Zusammenkünften teilzunehmen, empfinde ich manchmal sogar als recht wohltuend. Ja, es ist ein Affront, nicht mitzutrinken, und so sehr ich mich bemühe, mein Wasser niemals demonstrativ zu bestellen und zu trinken, kann es jederzeit als Provokation aufgefasst werden, und mir ist lieber, dass darauf aggressiv reagiert wird statt mitleidig. Es gibt da nichts mitzuleiden, mir geht es besser so.“
Ich muss gestehen, dass ich schon häufig extra sage, dass ich Vegetarier bin. Zum einen, damit sich andere gleich darauf einstellen können, wenn sie mich einladen oder wir essen gehen. Und zum anderen auch – und da gibt es einen großen Unterschied zwischen Alkohol und Vegetarismus – weil ich schon auch andere Menschen dazu bewegen möchte, es mir gleichzutun.

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Ein Gedanke zu “Fleischlos leben: Zwischen Mitleid und Provokation

  1. Hallo Sarah,

    ein schöner Artikel, der mir gut das ganze Spektrum der Reaktionen noch einmal selbst verdeutlicht.
    Danke, dass Du Deine Gedanken hier teilst und dass Du auch die Geschichte um Stuckrad-Barre einbringst – da gibt es wirklich viele Parallelen! Eine schöne Erkenntnis.
    Ich selbst habe Alkohol nie sehr gemocht und habe dann vor einigen Jahren beschlossen, gar keinen mehr zu trinken, weil es ohnehin nur durch Aufdrängung 1-2x pro Jahr passierte.
    Diese „Null-Nix-Nada“-Entscheidung erscheint mir manchmal sogar für (offene) Menschen sehr hilfreich zu sein, weil ich mich dadurch leichter in eine Schublade stecken lasse. Hier liegt das Positive: Auf einer Party einer Freundin ging sie mit einem Tablett mit in Alkohol getränkten Melonenstückchen herum und bat dem jungen Mann neben mir etwas an, um dann schnurstracks weiter zu ziehen. *lach* Das Gesicht des Manns war toll, denn er kannte meine Einstellung nicht – sie, als vollendet höfliche und liebenswerte Person aber schon. 😉 Dabei dachte er, sie sei unhöflich…sehr witzig.

    Darüber hinaus bewundere ich Deine Offenheit und Stärke, wenn Du es extra vorneweg sagst, dass Du vegetarisch lebst. Seit einigen Monaten esse ich vegan und bin sehr schüchtern, was das Thema betrifft. Ich habe da meistens viel Angst vor Ablehnung, denn meine Familie findet das gar nicht so toll…das hemmt mich etwas.
    Auf der anderen Seite gibt es hier bei mir tolle private 3-Gänge-vegan-Kochsessions, bei denen die Sonne aufgeht…
    Ja, das ganze Spektrum eben, wie Du beschrieben hast. 🙂

    Liebe Grüße aus dem Ruhrgebiet und alles Gute für Dich!
    Becky

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