Wie tolerant muss ich sein?

Gestern war ich bei der Eröffnung von bevegend, einem veganen Supermarkt in Hamburg. Der kleine Laden platzte aus allen Nähten und als ich nachmittags kam, war schon einiges ausverkauft.
Ein Stück vegane Schwarzwälder Kirschtorte konnte ich noch ergattern. Yeah! Abends habe ich meinem Mitbewohner davon erzählt. Er isst Fleisch und wir unterhalten uns öfter über Vegetarismus. Und das auch, während er sich ein Schnitzel in die Pfanne haut und ich an meiner Karotte mümmle. Manchmal essen wir aber auch zusammen Grünkernpfanne, Pfannkuchen oder Snickers-Eis. Es ist also sehr entspannt und das finde ich großartig.
Als ich auf Wohnungssuche war, stieß ich hin und wieder auf vegane WGs, die nicht mal Vegetarier einziehen lassen wollten, da ihnen das zu inkonsequent war. Ich finde das eigentlich nur intolerant und bin der Meinung, diese Grenzziehung zwischen den „moralisch korrekten“ Veganern (die dann aber häufig bei Lidl ihre vegane Wurst kaufen, aber das ist ein anderes Thema…) und anderen Menschen hilft nicht weiter.
Trotzdem versuche ich hin und wieder andere Menschen über die Vorteile des Vegetarismus zu überzeugen – und sei es nur durch meine Kochkunst. Die Frage, die ich mir dabei stelle: Müsste ich nicht eigentlich – da ich ja gute Gründe für meine Entscheidung habe
a) ständig Kritik an ihnen üben, bis sie umschwenken?
b) oder andersherum: Steht es mit überhaupt zu, ihren Lebensstil ändern zu wollen – der geht mich doch eigentlich nichts an?
Intuitiv würde ich dazu sagen: a) Nein, denn erstens bin ich ja selber nicht konsequent (und wie ich geschrieben habe, ist das auch nicht möglich) und zweitens bin ich der Meinung, dass ständiges Moralisiseren anstrengend und intolerant ist und zu nichts führt.
Aber b) Je mehr Menschen umweltbewusst leben, desto besser! Viele Menschen wissen einfach nichts über die Hintergründe der Fleischindustrie (um bei dem Beispiel Vegetarismus zu bleiben, gleiches gilt natürlich für andere Konsumgewohnheiten). Aufklärung könnte also zum Umdenken und anderem Handeln führen.

Das ist jedoch nur die Begründung, die meinen Gefühlen entspringt. Gerade lese ich Konrad Ott: „Umweltethik. Zur Einführung“ (Hamburg 2010) und fand soeben die schriftliche und philosophische Argumentation. Was für ein Glücksgefühl am frühen Sonntagmorgen!
Ott schreibt, man sei zur Toleranz gegenüber Lebensstilen verpflichtet, die man nicht teilen kann – aus Respekt der jeweiligen Person gegenüber. Er zitiert dazu Habermas: „Toleranz bedeutet nicht Billigung, sondern gegenseitige Duldung bei Nicht-Übereinstimmung.“ (Habermas 2003 „Wann müssen wir tolerant sein?“, Jahrbuch der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2003, Seite 167-178).
Unduldsamkeit könne nach Ott „moralisch prekäre Folgen haben“; dennoch sei eine „politisch offensive Kritik“ nicht ausgeschlossen, sofern die Lebensstile der umweltethischen Wertelehre (Axiologie) widersprechen.

Ott schreibt: „Zurückhaltung hinsichtlich der Moralisierung von Lebensstilen ist eine Errungenschaft des Liberalismus. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass in der Umweltethik die Grenzen zwischen den Fragen des guten Lebens und den Fragen des moralisch Richtigen nicht so eindeutig gezogen werden kann wie im klassischen Liberalismus.“ (Seite 97). Das Problem: unsere Lebensstile und die Auswirkungen auf Umwelt und das Leben anderer Menschen ist aneinander gekoppelt.
Konkret: Wenn ich durch die Welt fliege, beschleunige ich den Klimawandel, wenn ich billige Kleidung kaufe, müssen dafür vielleicht Kinder in Fabriken schuften und wenn ich Fleisch esse, töte ich Tiere. Punktum.
Das führt bei Ott auch zu der Frage, ob und wann der Staat in umweltpolitischen Fragen eingreifen darf und muss. Ich arbeite mich noch da durch…später also mehr zu diesem Thema!

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2 Gedanken zu “Wie tolerant muss ich sein?

  1. Alex S. aus Kölle

    Wir wären ja auch total verlogen, wenn wir eine Essgewohnheit, der wir bis vor ein paar Jahren selbst noch folgten, plötzlich so verdammen, dass wir Freundschaften dafür aufgäben. Es ist sicherlich wichtig konsequent zu bleiben, aber bewusstes Essen hat noch nicht so viel Rückhalt, dass man mit guten Aussichten auf Erfolg eine Konfrontation wagen könnte (das ist ein rein taktisches Spiel denke ich). Bekäme ich heraus, dass mein Nachbar seine Frau schlägt wäre ich sicherlich viel schneller bei meiner Meinung und auch bei sozialer Ächtung und einer handfesten Anzeige, weil der Erfolg in dieser Hinsicht viel wahrscheinlicher ist. Ohne diesen Rückhalt hilft ein ständiges Kritisieren m. E. auch nicht. Es muss sich erst ein gesellschaftlicher Konsens entwickeln, eine starke Strömung bevor ich als Individuum dieses Thema im Privaten zu einem Alles-oder-Nichts-Thema mache.

    Gruß der Experte;-)

  2. Pingback: Selbstversuch: Einen Monat lang vegan | In Bewegung

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