Holistische Umweltethik

Welche Schwierigekeiten dabei auftreten können, wenn man versucht, ethisch einigermaßen korrekt zu leben, davon hatte ich bereits in einem früheren Post berichtet. Warum man dies allerdings überhaupt versuchen sollte, ist eine andere Frage. Und diese ist eigentlich noch schwerer zu beantworten. Deshalb zerbrechen sich Philosophen seit Jahrtausenden darüber den Kopf.

Im WDR 5 beim Philosophischen Radio, moderiert von dem fabelhaften Jürgen Wiebicke, gab es einen Beitrag über holistische Umweltethik (hier anzuhören). Zu Gast war Martin Gorke, ein deutscher Biologe und Umweltethiker. Neben Konrad Ott ist er einer der bedeutendsten deutschen Theoretiker der Umwelt- und Naturschutzethik.

Kurz zusammengefast, gibt es vier große Strömungen von Umweltethiken:

  • Anthropozentrik: Tiere, Pflanzen und unbelebte Materie besitzen keinen eigenständigen Wert und somit hat der Mensch keine moralischen Pflichten ihnen gegenüber.
  • Pathozentrik: die anthropozentrische Sonderstellung des Menschen wird teilweise aufgehoben, indem allen leidensfähigen Lebewesen Rechte zugesprochen werden.
  • Biozentrik: der Mensch hat nicht nur unmittelbare Pflichten nicht nur gegenüber schmerzempfindenden, sondern gegenüber allen Lebewesen hat, also auch den Pflanzen gegenüber.
  • Holismus: Jede Materie, auch unbelebte, hat Rechte.

Die holistische Umweltethik (von griechisch holon = das Ganze) ist die umfassenste aller Umweltethiken. Über andere Umweltethiken hinausgehend, werden nicht nur allen Lebewesen, sondern auch unbelebter Materie Rechte zugestanden. Klingt erstmal freakig: Warum sollten Steine Rechte haben?
Zur Erklärung: Alles Existierende hat – holistisch gesehen – ein Recht darauf, fortzubestehen. Der Mensch steht demnach nicht im Mittelpunkt der Natur, sondern ist ein Teil von ihr. Entscheidend ist, was der Natur als Ganzes nützt und nicht nur dem Vorteil der Menschen dient. Schützenswert in dieser Philosophie ist also das Ganze – auch Flüsse, Luft und alles andere, das uns umgibt. Eigentlich dürfte man sich also keine Lebewesen oder Dinge zu eigen machen – nichts essen, nichts an der Natur verändern.
Doch wie soll man das erfüllen? Zwangsläufig muss man, um am Leben zu bleiben, in die Natur eingreifen. Menschen brauchen schließlich Nahrung und ein Dach über dem Kopf. So wird schnell klar, dass bei dieser Philosophie die größten Spannungen auftreten – wenn sie nicht sogar nahezu unmöglich zu verwirklichen ist.
Würde diese Ethik konsequent umgesetzt – dürfte der Mensch dann etwa keine für ihn tödlichen Viren wie etwa das Aidsvirus bekämpfen? Doch, denn die holistische Umweltethik verlangt keine absolute Gleichbehandlung von belebter bzw. unbelebter Materie. Je nach Einzelfall muss entschieden werden, welche Bedürfnisse wichtiger sind. Heißt also: Wenn das Leben eines Menschen in Gefahr ist, dürfen durchaus Gegenmaßnahmen ergriffen werden (so ist das in der Justiz ja auch geregelt: ist das eigene Leben gefährdet, darf man sich wehren). Und auch in kleineren Dimensionen gilt: Bemühe dich und überlege, was zu einem lebenswerten Leben wirklich nötig ist. Bei mir sind das Milchprodukte und Eier – aber ich versuche, diese so oft es geht durch vegane Produkte zu ersetze. Schokolade brauche ich auch, aber esse sie fast ausschließlich aus fairem Handel und in Bioqualität.
Mir gefällt der Ansatz trotz aller Schwierigkeiten deswegen am besten. Eben auch, weil er mich von dem Problem aus dem zitierten ersten Post befreit: Perfekt sein kann man nicht und eine stetige Abwägung, wie weit jeder für sich persönlich im Umweltschutz gehen kann und will, sogar in der umfassendsten Ethik nicht zu vermeiden.

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3 Gedanken zu “Holistische Umweltethik

  1. Hallo,

    Dir gefällt dazu etwas passend vielleicht der folgende Spruch:
    AVAP – as vegan as possible.

    Ich sehe die Grenzen ebenfalls – es gibt so vieles, wo man dann doch nicht konsequent handeln kann und es nie wird tun können.

    (Angelehnt ist der Spruch übrigens an die Business-Formel „asap“- as soon as possible. Aber vielleicht ist Dir das auch alles schon bekannt… ;))

    Liebe Grüße

  2. Pingback: Selbstversuch: Einen Monat lang vegan | In Bewegung

  3. Pingback: Wie tolerant muss ich sein? | In Bewegung

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