Gans oder gar nicht?

Vegetarier haben eigentlich ein einfaches Leben. Zweimal im Jahr ändert sich das: Wenn der erste warme Abend kommt, an dem man draußen sitzen kann und die Grillsaison eröffnet wird – und Weihnachten.
Die Grillsaison ist zumindest in meinem Freundeskreis nicht so das Problem. Oft ist einfach gar keiner mit einem Grill anwesend und so bleibt es bei Fladenbrot, Tzaziki, Käse und sehr viel Rotwein.
Aber Weihnachten mit Festessen aus Gans, Schweinebraten und Rinderfilet wird zu einer Geduldsprobe und zu einem ernährungswissenschaftlichen Überlegenheitskampf.
„Und du isst GAR KEIN FLEISCH?!“- „Nein.“ „Auch keinen Schinken?!“ – „???“

Dabei ist es nicht so, dass ich versuchen würde, meine Tischnachbarn von fleischloser Kost zu überzeugen, sondern mich immer wieder erklären muss. Fleisch scheint gerade an den Feiertagen dazu zu gehören. „Ach, mit euch kann man ja nicht essen gehen, ihr seid so schwierig!“ Stimmt nicht, ich bin auch mit Salat zufrieden und brauche keinen Fleischersatz. Bisher bin ich noch überall satt geworden. Wer als Vegetarier drei Wochen in New York verbracht hat, wird kreativ.

Seltsamerweise taucht ein Argument immer wieder auf: „Ich esse ja gar nicht sooo viel Fleisch, aber so ein schönes T-Bone-Steak, darauf will ich nicht verzichten.“ Mich irritiert, dass genau das meist aus dem Mund von jemandem stammt, dessen Fleischkonsum hauptsächlich aus abgepackter Aldi-Salami und tiefgekühltem Wiesenhof-Hähnchen besteht und der noch niemals ein T-Bone-Steak gegessen hat.
Das zweite Argument ist, man müsse/solle ja was „richtiges“ essen. An dieser Stelle noch einmal einen riesigen Dank an die Köchin des fantastisches Weihnachtsessens. Brokkoli-Käse-Suppe mit Mandeln, Gemüseauflauf, Rosmarinkartoffeln und Sellerieschnitzel (panierter Sellerie) sowie ein göttliches Dessert aus Beeren, Spekulatius, Mascarpone und Sahne sind für mich durchaus etwas „richtiges“. Die Argumentationskette reißt an dieser Stelle aber nicht ab. Mit Liebe zum Detail wird mir ausgemalt, dass ich viel zu dürr würde (hier nochmal der Verweis auf das Dessert). Auch als ich noch Fleisch aß, habe ich eher magere Putenbrust und Hähnchen als Schweinebraten gegessen und der Konsum an Käse gleicht zumindest kalorienmäßig locker jeden Döner aus. Und ich bin zwar kein Puddingvegetarier, aber auch nicht gerade dafür bekannt, Schokolade und Kuchen links liegen zu lassen.

Die Ernährungsgurus sind mir da schon lieber. Wie denn mein Eisenwert aussähe? Omas Stirn runzelt sich. Und mein Vitamin B12-Spiegel? Die Stirn wirft größere Falten. Und ich sei so blaß!
Es ist Dezember, ich komme aus Hamburg, das nicht an der Costa del Sol liegt und ich habe auch leider keine türkischen Vorfahren, die mir einen südländischen Teint vererbt haben. Mein Eisenwert ist seit dem Verzicht auf Fleisch von 9 auf 13 gestiegen, weil ich gerade jetzt extrem darauf achte und mein Vitamin-B12-Spiegel sieht auch super aus (darauf müssen auch eher Veganer achten).

Lustig sind dann die Momente, wo der Nichtvegetarier etwas neidisch auf die Gemüsebällchen schielt und gerne mal probieren möchte. Oder ich nach dem Rezept der leckeren Zucchinifrikadellen frage und dann ein Kochbuch in die Hand gedrückt bekomme „Wie Sie ihren Kindern Gemüse schmackhaft machen“.

Ich jedenfalls hatte satte, leckere Weihnachten und freue mich über die Gastgeber, die sich so viel Mühe gegeben haben, auch die vegetarische Seite der Familie kulinarisch zu beglücken und auch den ein oder anderen Vegetarierwitz gerissen haben.

Eine letzte, ungeklärte Frage in Bezug zu Weihnachten bleibt jedoch noch: War Jesus eigentlich Vegetarier?

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