Vom Versuch, ethisch korrekt zu leben

Schon als Kind war ich komisch. Mit etwa sieben Jahren regte ich mich furchtbar über die unökologische Verpackung von Barbiekleidung auf. In riesigen Plastikboxen werden die kleinen Kleidchen verkauft. Ich fand das blöd, zu teuer und stieg um aufs Selbermachen der Kleidung. Die Kleidung war mehr als laienhaft und hielt kaum einen Tag, aber ich hatte Spaß dabei und endlich Verwendung für alte Kindersocken, die kurz nach dem Bündchen abgeschnitten wurden und Barbie als neuen Minirock dienten. Darüber, ob meine Handlungen ethisch korrekt waren oder nicht, machte ich mir zumindest bewusst wenig Gedanken.
Heute ist das anders. Geprägt durch ein Soziologie- und Politikstudium, Hobbyphilosophie und Ehrenämter bei der Flüchtlingshilfe und Greenpeace, bewege ich mich in einem dauernden Spannungsfeld dessen, was ich denke, tun zu müssen, dem, was ich tue und dem, was ich nicht weiß.

Die philosophische Disziplin Ethik, die auch als Moralphilosophie bezeichnet wird, sucht nach Antworten auf die Frage, wie in bestimmten Situationen gehandelt werden soll. Die einfachste und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant: „Was soll ich tun?“ Philosophen streiten sich seit Jahrhunderten über die Ethik. Ich beschloss, ganz pragmatisch, zumindest die philosophische Grundsatzfrage nach Willensfreiheit außen vor zu lassen und davon auszugehen, dass ich Entscheidungen vernünftig und frei treffen kann. Auch eine ethische Position fand ich schnell: Der Maßstab des ethisch Gesollten ist, nach Kants kategorischem Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Das umzusetzen, gestaltet sich allerdings schwierig – und zwar je mehr, umso intensiver ich mir die Frage stelle, was ethisch in Ordnung ist und was nicht. Es gibt einige Gebiete, auf denen sich mir weder Gewissendilemmata noch Umsetzungsschwierigkeiten in den Weg stellen. Der Fleischverzicht ist eines dieser Gebiete. Nicht erst, nachdem ich „Tiere essen“ gelesen habe, danach aber deutlicher als je zuvor, ist mir klar: Fleisch essen ist ungesund, klimaschädlich und vor allem Mord. Unethisch für mich also. Aber ich war schon immer ein Spinatkind. Mir konnte man mit der Aussicht auf Gemüse schon immer den Tag retten. Fleisch war und ist für mich eher unerwünschte Verdrängungsbeilage leckerer Sachen wie Brokkoli, Sauerkraut, Erbsen und Möhren oder Kartoffelbrei.
Natürlich gibt es Ausnahmen, die mir schwerfallen einzuhalten. Hühnchen liebe ich und auch der Verzicht auf Fisch und Meeresfrüchte fällt mir hin und wieder noch schwer. Außerdem trage ich noch immer Schuhe und Taschen aus Leder.
Ethisch konsequent wäre eigentlich der Schritt zum Veganismus, denn auch Eier und Milchprodukte sind unökologisch und Tierquälerei. Ich gehe hier nicht ins Detail, lege aber das Buch „Tiere essen“ jedem ans Herz, der sich darüber informieren möchte. Also nie wieder Käse? Keine Schokolade? Keinen Joghurt? Das schaffe ich einfach nicht und empfinde es auch als starke Einschränkung. Als Vegetarier hat man in so ziemlich jedem Restaurant genug Alternativen. Als Veganer kann man oft höchstens auf Pommes (nur mit Ketchup!) hoffen, wenn man auswärts isst; von Kochen mit Freunden mal ganz abgesehen. Ich winde mich gerade, mit schlechtem Gewissen einerseits und Trotzigkeit (immerhin bin ich Vegetarier!) andererseits aus diesem Problem, indem ich Eier nur noch esse, wenn sie zum Rezept gehören (Kuchen, Pfannkuchen usw.), aber nicht mehr solo als Spiegelei oder Rührei. Milchprodukte und Käse kaufe ich meist bio. Einmal die Woche ist ein veganer Tag vorgesehen. Dieser wiederum hat mir bereits kulinarische Hochgenüsse und Entdeckungen beschert, mit denen ich nicht gerechnet hätte – man staunt doch, wie kreativ die vegane Küche ist!

Die Zutaten müssen aber auch eingekauft werden und so stehe ich manchmal überfordert mit meinem Jutebeutel im Supermarkt. Übrigens nicht mehr im Lidl oder anderen Discountern, weil diese so schlechte Arbeitsbedingungen haben, aber dazu später. Überwiegend saisonale Produkte zu kaufen ist einfach. Schwierig wird die Wahl bei der konkreten Umsetzung. Nehme ich nun die Biotomaten, die aber in Plastik verpackt sind? Oder sind die normalen, pestizidbelasteten besser, die ich einzeln kaufen kann? Lieber bio oder fairtrade? Lieber fairtrade oder regional? Wasser in Plastik- (geringere Transportkosten) oder Wasserflaschen (wiederverwertbar)? Überhaupt Bioprodukte beim Rewe kaufen oder nur im Bioladen? Oder alles auf dem Markt?

Und wo kann ich kaufen? Ich versuche, Ketten und Discounter zu meiden. Kein Aldi, Schlecker, McDonalds und Burger King: kein Problem. Aber kein H&M, Mango, Zara? Keine Chance. Ich weiß, ich brauche nicht so viele Klamotten. Und ich weiß auch, sie werden unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt, verbrauchen enorme Ressourcen an Wasser, Öl, Strom. Aber ich kann nicht darauf verzichten, shoppen zu gehen, auch wenn es sich sicher noch im Rahmen bewegt. Deswegen kommen alte Sachen entweder in den Spendencontainer oder werden verkauft. Konsum an sich ist ein komplexes Thema. Wo kann ich was kaufen, brauche ich das überhaupt? In einer 35 qm-Wohnung kann man nicht so viel ansammeln, so dass ich allein dadurch diszipliniert werde. Und letztes Jahr Weihnachten schenkte und wünschte ich nur unter der Bedingung: kein Tinnif, der nachher rumsteht.
Je mehr ich in das Thema einsteige, desto mehr großartige Alternativen finde ich aber auch. Fairtradeshops sind keine schäbigen Läden in irgendwelchen Hinterhöfen, sondern stylisch und voller schöner Dinge – und meist nicht mal nenneswert teurer. Durchhalten kann ich aber auch das nicht stringent: Fairtrade-Schokolade ist einfach leider nicht so lecker. Nestlé ist böse, aber ich liebe Milka! Und Kleider von Mango und Ledertaschen lassen mein Mädchenherz höher schlagen.

Ich muss sagen, dass viele der Sachen, die ich umgesetzt habe, zunächst nach Verzicht klangen, sich dann aber oft als erleichternd herausstellten: Nicht nur das Gewissen betreffend, auch das Leben. Kein Auto und keinen Fernseher mehr zu besitzen, schafft Raum und Zeit.
Die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem guten Leben hingegen ist mühsam, oft frustrierend.

Der Weg zum guten Leben ist schwierig und wohl nie zu Ende (wobei mir jetzt gerade wieder einfällt, dass ich vor Kurzem gelesen habe, wie man umweltfreundlich bestattet werden kann).
Bei Entscheidungen zum ethischen Verhalten fließen viel mehr Argumente ein. Meist siegt das Gewissen (kein Fleisch), selten die Bequemlichkeit (Auto ausleihen), manchmal die Unwissenheit (etwa bei der Herkunft des Essens im Restaurant) und manchmal die reine Freude an unethischem Verhalten (Lederschuhe, Auslandsreisen).
Immerhin: Der Anfang ist gemacht, denn: „Ethisch werden heißt, wahrhaft denkend werden.“ (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik)

Nachtrag: Gerade bekam ich eine Mail von einer Freundin mit einem wichtigen Hinweis:
„Habe eben deinen Artikel gelesen. Interessant, wie viele Gedanken du dir machst. Viele Fragen sind eben auch nicht einfach zu klären. Ich stehe selbst oft im Supermarkt und bin überfordert. Mich hat gestört, dass du manchmal „reine Freude“ am unehtischen Verhalten empfindest. Ich finde, dass passt nicht recht. Hast du nicht zumindest ein schlechtes Gewissen bei Flugreisen oder beim Ledertaschenkauf?
Es ist eben inkonsequent, nur auf die Dinge zu verzichten, die einem leicht fallen und liebgewonnene Gewohnheiten trotzdem beizubehalten. Das soll keine Kritik an dir sein, sondern generell.
Jedenfalls ist es ein sehr guter und richtiger Schritt, sich ersteinmal Gedanken zu machen. Das sollten viel mehr Leute tun.“

Auch meine Antwort soll hier diskutiert werden können:
„Ich habe ja nicht gemeint, „reine Freude“ beim unethischen Verhalten zu empfinden, sondern dass manchmal einfach auch mal der Genuß siegt. Ich habe ein schlechtes Gewissen beim Ledertaschenkauf und Flugreisen, trotzdem mache ich es hin und wieder – bewusst und eigentlich nur aus Freude an der Sache.
Trotzdem achte ich darauf, auch liebgewonnene Gewohnheiten kritisch zu sehen. Deswegen hab ich z.B. meinen Fernseher abgeschafft und schaue keine „menschenverachtenden“ Sendungen wie „Bauer sucht Frau“ mehr. Und ich kaufe bewusst einige Produkte nicht mehr, sondern steige auf ökologische Alternativen um.
Und genau da stellt sich das eigentliche Problem für mich: Was ist konsequent? Wie weit kann man gehen? Konsequent im eigentlichen Sinne wäre doch, wenn es auch übertrieben klingt: Kein verarbeitetes Essen, keine Verkehrsmittel, kein Konsum (da dieser IMMER auf Kosten der Umwelt geht, auch wenn er bio und fairtrade ist). Das ist nicht durchzuhalten und wohl auch wenig wünschenswert. Doch je mehr ich mich damit auseinander setze, umso inkonsequenter erscheint mir mein Verhalten. Wie soll ich meinen Vegetarismus verteidigen, wenn ich Milchprodukte esse und Lederwaren kaufe? Ist es nicht absurd, CocaCola zu boykottieren und trotzdem Adidas-Laufschuhe zu tragen?
Und, viel schlimmer: Müsste ich nicht jeden Menschen meiden, der nicht zumindest einige Schritte moralisch weiter ist als ich? Das will ich nicht. Ich freue mich jedesmal, wenn mir jemand erzählt, er esse nun z.B. weniger Fleisch oder achtet auf Müllvermeidung. Aber man muss aufpassen (ich vor allem!) nicht ständig mit der Moralkeule um sich zu schlagen. Das ändert die Welt auch nicht.
Ich bin der Meinung, jeder Schritt in die richtige Richtung ist schon einmal einiges wert. Ich kann auch meinen Marathon im Herbst nur laufen, wenn ich nicht an den ganzen Weg denke, sondern weiß: Jeder Meter ist ein Stückchen näher am Ziel.“

Advertisements

5 Gedanken zu “Vom Versuch, ethisch korrekt zu leben

  1. Anonymous

    Mmmhh? Schwere Kost und nicht leicht verdaulich… Aber lass mich einen Versuch wagen. Ich denke, hier, wie auch an anderen Stellen, spielt das kleine Wörtchen „zu“ eine wichtige Rolle. „Zu viel“ ist in der Regel genau so schlecht wie „zu wenig“. Mass halten, sich in der Mitte zu bewegen, hat nichts mit Mittelmässigkeit, sondern mit Ausgewogenheit zu tun. Das Schwimmen gegen den Strom ist ermüdend und trägt immer latent die Gefahr in sich, ganz aufzugeben und sich letzten Endes treiben zu lassen. Nicht immer zu McD zu gehen, nicht ausschließlich bei Aldi einzukaufen, Milka zu geniessen (ist übrigens von Kraft und nicht von Nestlé) aber After Eight zu ignorieren, Pelzmäntel im Laden hängen zu lassen aber dennoch ordentliche Lederschuhe zu tragen hat mehr Wirkung als allgemeinhin angenommen. Ein Umsatzeinbruch von 10% wären für McD, Aldi und wie sie nicht alle heissen eine Tragödie. Eine Trgödie die eine Wirkung hätte, nämlich die, dass diese Unternehmen sich auf das geänderte Käuferverhalten einstellen würden. Dieser Trend kann allerdings nur erzeugt werden wenn viele mitmachen. Wenn 50% der Bevölkerung 20% weniger „gewissenlos“ leben und sich das auf ihr Konsumverhalten auswirkt, dann sind wir bei eben diesen 10% Einbussen bei den „gewissenlosen“ Unternehmen. Diese 50% der Bevölkerung erreicht man nicht, definitiv nicht, in dem man den radikalen Wandel proklamiert. Das ist definitiv „zu“ viel und „zu“ schnell. Also darf man, oder wie in deinem Fall, Frau, sich fragen, was denn das Ziel meines Handelns ist: will ich für mich und nur für mich ein reines Gewissen haben und kann ich mit dem radikalen Ansatz umgehen? – fein, dann mache ich es halt. Wem, ausser mir ist damit geholfen? Den paar Hühnern und Thunfischen die ich dann nicht mehr esse? Oder möchte ich dazu beitragen, dass eine Bewusstseinsveränderung bei den Menschen eintritt, die ich berühren kann und damit auch eine Verhaltensänderung? Dann wähle ich den Weg der kleinen Schritte. Wer langsam geht kommt auch zum Ziel oder, wie es einst Till Eulenspiegel sagte, „Fahr schön langsam, damit Du schnell ankommst“. Gruss P. aus B.

  2. Anonymous

    „… indem ich Eier nur noch esse, wenn sie zum Rezept gehören (Kuchen, Pfannkuchen usw.), aber nicht mehr solo als Spiegelei oder Rührei.“
    1Esslöffel Sojamehl = 1Ei
    das klappt prima.

    „…Kochen mit Freunden…“
    Wenn das Freunde sind kochen die auch gerne was Veganes. 🙂

    Vegan ist gar nicht so schlimm,
    Probiere doch einfach mal einen Veganen Monat.
    Aber Schöner Artikel, in dem man sich auch schnell wiederfindet.

  3. Pingback: Selbstversuch: Einen Monat lang vegan | In Bewegung

  4. Pingback: Wie tolerant muss ich sein? | In Bewegung

  5. Pingback: Gut angezogen | In Bewegung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s