Momo


Es gibt Bücher, die ich schon mehrmals gelesen habe, und dennoch jedes Mal aufs Neue begeistert bin. Zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört das 1973 erschienene „Momo“ von Michael Ende.
Das kleine Mädchen Momo wohnt in einem alten Amphitheater und ist mit der besonderen Begabung ausgestattet, so gut zuhören zu können, dass „dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. (…) Sie konnte so zuhören, dass rastlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden“. Denn Momo hat vor allem eines: Zeit. Und so verbringt sie ihre Tage zusammen mit ihren beiden besten Freunden Gigi Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer und den Kindern aus der Stadt damit, Geschichten zu erfinden und zu spielen.
Eines Tages tauchen in der Stadt die grauen Männer der Zeitsparkasse auf, die die Menschen dazu bringen wollen, ihnen ihre Zeit zu geben. So rät einer der grauen Herren dem Frisör Herrn Fusi: „Sie werden doch wissen, wie man Zeit spart! Sie müssen zum Beispiel einfach schneller arbeiten und alles Überflüssige weglassen. Statt einer halben Stunde widmen Sie sich einem Kunden nur noch eine Viertelstunde. Sie vermeiden zeitraubende Unterhaltungen. Sie verkürzen die Stunde bei ihrer alten Mutter auf eine halbe. Am besten geben Sie sie überhaupt in ein gutes, billiges Altersheim, wo für sie gesorgt wird, dann haben Sie bereits eine Stunde täglich gewonnen. Schaffen Sie den unnützen Wellensittich ab! Besuchen Sie Fräulein Daria nur noch alle vierzehn Tage einmal, wenn es überhaupt sein muss. Lassen Sie die Tagesrückschau ausfallen und vor allem, vertun Sie Ihre kostbare Zeit nicht mehr so oft mit Singen, Lesen oder gar mit Ihren sogenannten Freunden.“
In Wahrheit werden die Menschen so um ihre Zeit betrogen. Sie arbeiten schneller, sind aber nicht mehr mit dem Herzen dabei. Sie häufen Geld und Dinge an, haben aber keine Zeit mehr, um etwas damit anzufangen. Sie werden missmutig, verbittert und unfreundlich. Sie können keine Feste mehr feiern und verlernen das Träumen. „Am allerwenigsten aber konnten sie die Stille ertragen. Denn in der Stille überfiel sie die Angst, weil sie ahnten, was in Wirklichkeit mit ihrem Leben geschah“.
Nicht nur die Gesellschaft, auch die Stadt verändert sich dadurch. Gebäude, Straßen und Plätze werden gleichförmig; Platz für Kreativität und Individualität bleibt nicht. Die Stadt wird zu einer Wüste der Ordnung, das Leben der Menschen kälter, ärmer und gleichförmiger.
Besonders davon betroffen sind die Kinder. Früher spielten sie mit einfachen Dingen wie Steinen, Stöcken und benutzten ihre Phantasie, um in fremde Welten einzutauchen. Nun haben sie vollkommene Puppen, Roboter und ferngesteuerte Autos. Dinge, bei denen sie sich nichts mehr vorstellen müssen. „So saßen die Kinder oft stundenlang da und schauten gebannt, aber doch gelangweilt so einem Ding zu, das da herumschnurrte, dahinwackelte oder im Kreis sauste – aber es fiel ihnen nichts dazu ein“.
Die grauen Herren, deren Ziel es ist, die gesamte Zeit aller Menschen zu bekommen, stehen einem Problem gegenüber. Sie können nichts gegen Momo ausrichten. Sie lässt sich von ihnen nicht belügen. Als einer der grauen Herren versucht, sie mit einer Puppe zu bestechen, bricht aus dem Agenten gegen dessen Willen die Wahrheit heraus und er verrät Momo die Pläne der grauen Herren. Als Konsequenz wird er von dem Hohen Gericht der grauen Herren ausgelöscht. Sie fassen den Plan, alle Freunde Momos auf ihre Seite zu ziehen, ihnen auch die Zeit zu stehlen, bis Momo ganz allein ist.
Aber Momo bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Meister Hora, der Verwalter der Zeit, schickt ihr die Schildkröte Kassiopaia, die in der Lage ist, die Zukunft der nächsten halben Stunde vorauszusehen. Beide können vor den grauen Herren in das Nirgend-Haus des Meister Hora fliehen. Doch als Momo von da zurückkehrt, hat sich die Welt verändert.
Der Wandel der Gesellschaft vollzog sich immer schneller, bis für die Kinder keine Zeit mehr bleibt und sie in Kinderdepots gesteckt werden, in denen sie nützliche Dinge lernen sollen. Spielen gilt als zeitraubend und unnütz. Momos Freunde sind nun alle in den Fängen der grauen Herren. Sie ist bis auf Kassiopaia ganz allein. Aus der gemütlichen Kneipe ihres Freundes Nino ist ein Schnellrestaurant geworden, Gigi ist ein Fernsehstar ohne seine frühere Gabe der Phantasie, aber mit einer großen Villa und Beppo wurde von den grauen Herren in eine Falle gelockt. Um Momo freizukaufen, müsse er 100 000 Stunden Zeit sparen.
So wird die Zeit für Momo zu einem Fluch, einer Last, die sie erstickt. Sie ist ausgesondert von allen Menschen, da sie mit niemandem mehr ihre Zeit teilen kann, die sie früher so gern verschenkt hat. Monatelang lebt sie in Einsamkeit, denn auch Kassiopaia hat sie inzwischen verloren.
Der Plan der grauen Herren scheint aufzugehen. Doch dann finden sich Momo und Kassiopaia wieder und suchen erneut Meister Hora auf. Die grauen Herren folgen ihnen jedoch und umzingeln das Haus, so dass Meister Hora keine lebende Zeit mehr zu den Menschen senden kann. Die grauen Herren bleiben nur durch tote Zeit am Leben, die sie in Form von Zigarren rauchen und eben jener Rauch mischt sich nun in die Zeit, die Meister Hora aussendet. Die Folge ist eine Krankheit, die die Menschen überkommt: „Am Anfang merkt man noch nicht viel davon. Man hat eines Tages keine Lust mehr, irgendetwas zu tun. Nichts interessiert einen, man ödet sich. Aber diese Unlust verschwindet nicht wieder, sondern sie bleibt und nimmt immer mehr zu. Sie wird schlimmer von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Man fühlt sich immer missmutiger, immer leerer im Innern, immer unzufriedener mit sich und der Welt. Dann hört nach und nach auch dieses Gefühl auf, man fühlt gar nichts mehr. Man wird ganz gleichgültig und grau, die ganze Welt kommt einem fremd vor und geht einen nichts mehr an. Es gibt keinen Zorn mehr und keine Begeisterung, man kann sich nicht mehr freuen und nicht mehr trauern, man verlernt das Lachen und das Weinen. Dann ist es kalt geworden in einem und man kann nichts und niemand mehr liebhaben. Wenn es einmal so weit gekommen ist, dann ist die Krankheit unheilbar. Es gibt keine Rückkehr mehr. Man hastet mit leerem, grauem Gesicht umher, man ist genau so geworden wie die grauen Herren selbst. Ja, dann ist man einer der ihren.“
Nun muss Momo, mit Hilfe von Kassiopaia und einer Stundenblume die Zeit zu den Menschen zurückbringen. Meister Hora hält die Zeit an und nur Momos Stundenblume lässt die Zeit für sie weiterlaufen. Sie schafft es tatsächlich, die gestohlene Zeit freizulassen, so dass die grauen Herren sich auflösen und die Welt ihre Zeit zurückbekommt.

Wie die teilweise recht langen Zitate hier schon angedeutet haben, ist es vor allem der wunderschöne Schreibstil Michael Endes, der Momo zu etwas Besonderem macht. Als ich Momo das erste Mal las, war ich etwa so alt wie sie selbst, also etwa 10 Jahre. Damals gefiel mir das Märchenhafte an dem Buch. Die Schildkröte, die in die Zukunft sehen kann ebenso wie der Mut und die Tapferkeit Momos, sich von der Vielzahl und Macht der grauen Herren nicht unterkriegen zu lassen.
Heute als Erwachsene lese ich Momo unter anderen Voraussetzungen. Selbst oft unter Zeitdruck – Arbeit, Uni, Ehrenämter, Sport, Freunde, Pflichten – kommen mir die beschriebenen Zeitsparmaßnahmen nur allzu bekannt vor, auch wenn ich sie nicht freiwillig anwende. Und Endes Kritik an der Gesellschaft kann ich ebenfalls völlig zustimmen. Individuelle Innenstädte gehören schon fast der Vergangenheit an, stattdessen reiht sich Kette an Kette: H&M, C&A, Deichmann, Görtz, Mc Donalds, Extrablatt, Subways….
Das Thema Essen wird anhand von Ninos Schnellrestaurant im Buch ausführlich beschrieben. Schnell soll es gehen und gegessen wird im Stehen. Das Essen ist abgepackt, wird auf ein Tablett gelegt und an der Kasse bezahlt. Dieses System scheint auch mehr und mehr um sich zu greifen, wobei nicht nur Fastfoodketten gemeint sind. Auch das vielgepriesene Vapiano (auch eine Kette) in Münster verfährt nach dem Prinzip, so dass man, wenn man dort gemeinsam essen geht, nicht mal zur gleichen Zeit am Platz ist und sich während der Zubereitung nicht unterhalten kann, da man in verschiedenen Schlangen ansteht.
Wie sehr genieße ich hingegen lange Frühstücksorgien mit Freunden mit einem selbst gedeckten Tisch oder ein gemeinsames Kochen am Abend.
Oft werden bei Momo auch Kindheitserinnerungen wach: Buden im Wald bauen beispielsweise. Oder Sachen für die Barbie basteln und nähen (wobei Ende Barbies wohl kritisieren würde, denkt man an die Stelle, an der Momo mit Bibigirl bestochen werden soll).

Endes Kritik ist wohl aktueller denn je und äußert sich nicht nur in der Gier nach Geld und Konsum, sondern auch oft in dem Streben nach Nützlichkeit und Effektivität. Schwitzen in Fitnessstudios statt Joggen, Radfahren oder Fußball spielen in der Natur, Sprachkurse für Dreijährige und nicht zuletzt das Bachelor-/Mastersystem sind beste Beispiele dafür. Spaß und Motivation bleiben dabei auf der Strecke. (Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht zu den Faulen gehöre und durchaus kritisch zu Leuten stehe, die alles in letzter Minute machen oder sich um alles herumdrücken wollen. Darum geht es hier aber nicht.) Die Gesellschaft wird, wie Ende sagt, ärmer und kälter, wenn keine Zeit bleibt. Im 1. Semester des Masterstudiums war ich so überladen mit Arbeit, dass ich wirklich Schwierigkeiten hatte, meine Oma an einem Sonntag (!) im Krankenhaus zu besuchen. Sogar Telefonate mit meiner Freundin Stephi mussten per Email verabredet werden und verschoben sich dann doch oft noch, Wochenenden und Ferien existierten nicht. Eine anstrengende Zeit, die mir aber wieder vor Augen führte, was meine Ziele im Leben sind. Die Arbeit soll nicht reich, sondern Spaß machen und Zeit lassen für das, worauf es mir ankommt: Freunde, Bücher, Musik, Flohmarktbesuche, Sport, Kochen, Reisen, Schreiben. Wenn das verwirklicht ist, bin ich so zur Arbeit motiviert, dass ich auch bis nachts am Schreibtisch sitze.
Eigentlich sollte ich auch jetzt gerade an einem Referat sitzen – aber man muss sich auch mal Zeit nehmen! Und Momo war der Anlass, die Themen Zeit, Freundschaft und Lebensziele endlich im Blog zu veröffentlichen – um mich selbst daran zu erinnern, aber auch, um zum Nachdenken anzuregen. Und vielleicht dazu, Momo zu lesen. Auch, wenn man „eigentlich keine Zeit hat“!

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3 Gedanken zu “Momo

  1. Karo

    na, das nenn ich mal ne angemessene gesellschaftskritik! und wie recht du hast…
    außerdem vermiss ich dich und die andern mädels jetzt irgwie noch mehr 😦

  2. Christian

    Danke, der Beitrag hat mal wirklich gut getan! Balsam für das chronisch schlechte Gewissen! Jetzt verstehe ich, warum du so hinter diesem Buch her warst! 😉

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