Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust

Wenn der Stolz auf das Vaterland sich durch Flagge zeigen Bahn bricht, dann ist entweder eine Versammlung der NPD oder Fußball der Grund. Als die erste Deutschlandfahne bereits vor Monaten an einem Auto flatterte, dachte ich deshalb zunächst, welcher Idiot denn da noch nicht begriffen hat, das die WM längst zu Ende ist oder ob das einer dieser unverbesserlichen Altnazis ist, die Jürgen Rieger für einen intelligenten Politiker halten.
Langsam drang dann auch zu mir durch: Es ist ja schon EM. Während bei der WM noch kontrovers diskutiert wurde, ob Flagge zeigen denn im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit überhaupt politisch korrekt ist oder ob wir durch eine Flagge am Auto vielleicht doch schon auf dem Weg zum Rassismus sind, scheint diesmal bei der EM zu gelten: Passt schon, die anderen machens auch! Beim Fußball darf man ohne schlechtes Gewissen national sein, denn sogar Joint Venture singen: „Ein guter Deutscher denkt europäisch, außer, wenn er kicken guckt“. Das hat nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, denn sogar die Nationalmannschaften sind heterogen. Was wären wir ohne unsere Polen Klose und Poldi? Sicher nicht im Halbfinale!
Zumal bis jetzt kein Ärger aufkam, wenn Türken oder Russen ihre Flaggen auch ans Auto, vor die Tür oder aus dem Fenster hingen. Aber am Mittwoch spielt Deutschland gegen die Türkei, was bedeutet, dass zwei Nationen in Deutschland gegen- statt miteinander fiebern müssen, und das auch noch um den Einzug ins Finale. Krawall und Remmi-Demmi vorprogrammiert?
Beim Besuch in meinem kleinen und tendenziell eher spießigen Kuhdorf machte ich eine Entdeckung, die zunächst amüsant, dann aber nur noch großartig fand.
Ein Türke fuhr mit seinem Auto an mir vorbei, natürlich mit türkischer Flagge – und an der anderen Seite eine deutsche. Ich hielt das für eine Ausnahme, doch in den nächsten Tagen sah ich kaum ein Auto, dass nur eine türkische Flagge hatte. Meist wehten beide, manchmal auch mehrere deutsche und mehrere türkische, so als hätte sich jeder in der Familie eine aussuchen dürfen. Der Dönerladen hatte gleich zwei riesige Flaggen im Schaufenster – eine türkische und eine deutsche – und das deutsch-türkische Ehepaar mit der Kneipe hat einfach alle Flaggen vor den Eingang gehängt. Im Fernsehen mit man Türkinnen mit deutschen Flaggen als Kopftuch und hört: „Ach, ich wohne jetzt schon so lange hier, ich weiß nicht, für wen ich bin. Ich würde mich für beide freuen“.
Das ist nicht nur ein gutes Argument gegen Ignoranten, die immer noch schreien, „die Ausländer sollen sich gefälligst anpassen“, während sie sich selbst schon für interkulturell kompetent halten, wenn sie einen Döner essen, obwohl sie im Urlaub in Badehose Kirchen betreten. Es zeigt vor allem, dass die Türken endlich in Deutschland heimisch geworden sind und sich demnach hier wohlfühlen.
Schon die WM hat gezeigt, dass Fußball nicht in Krieg ausartet, sondern im Gegenteil das Bild von den Deutschen durch die Besuche der ausländischen Fans verbessert hat.
Und wenn jetzt die EM dafür sorgt, dass „alle, wirklich alle, liegen sich in den Armen“ aus der Colawerbung Wirklichkeit wird, sollte man sie einfach jedes Jahr stattfinden lassen.
Schafft die Türkei es ins Finale, sind meine Daumen jedenfalls so fest gedrückt, als würde Deutschland spielen.
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