Der neue Feind

Erst waren die Bösen die Juden, dann die Italiener, dann die Türken. Jetzt hat sich Deutschland neue Feinde gesucht: Die Chinesen. Nicht etwa, weil dort die Menschenrechte mit Füßen getreten werden oder weil sich China bei der Umweltverschmutzung noch schlimmer verhält als die USA.
Nein, der „Spiegel“ warnte im August vor den 27 000 Studenten, die in Deutschland ihr Unwesen treiben. Warum? Weil zwar nicht alle, aber doch einige mit Sicherheit Spione seien, die Deutschlands Wirtschaftswissen klauen. Und das wiederum ist ganz, ganz schlecht für die deutsche Wirtschaft, also für uns alle. (Ich will jetzt mal nicht zu pingelig sein und erwähnen, dass das Bruttoinlandsprodukt zwar in den letzten Jahren gestiegen ist, dennoch nach der neuesten Studie 10 Prozent der Bevölkerung zwei Drittel des gesamten Vermögens in Deutschland besitzen, während der Rest faktisch gar nichts besitzt. Somit kann dem größten Teil Deutschlands das sowieso ganz egal sein, aber wir sind ja auch solidarisch mit den Großkonzernen, denen die Schnüffelei der Chinesen berechtigterweise auf den Keks geht.)
Die chinesische Schnüffelei war dem Spiegel ein Titelbild mit einer Chinesin unter der Überschrift: „Die gelben Spione“ wert. Ob der Verweis auf die Hautfarbe schon unter Rassismus fällt, will ich an dieser Stelle mal außer Acht lassen, denn es wird noch dreister.
„Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei. Er revanchiert sich als Spitzel, als Denunziant,“ zitiert der Spiegel einen chinesischen „Überläufer“. Zwar relativiert der Autor einige Zeilen weiter, es sei zwar nicht jeder Student ein Informant, vermutlich nur eine Minderheit, das Problem sei aber, dass man eben nicht wisse, wie viele und wer. Besonders „neugierige, eifrige und vielseitig interessierte“ Chinesen wecken offenbar das Misstrauen.
Also, liebe chinesische Kommilitonen: Bitte etwas mehr Desinteresse in den Vorlesungen und Seminaren, nicht zu viel Einsatz bei Praktika und Forschungsgruppen. Aber auch die Deutschen können helfen, den dreisten Plagiaten entgegen zu wirken: Jedem Chinesen, der einem mit einer Kamera entgegenkommt, freundlich fragen, ob man ein Foto von ihm vor der Lambertikirche schießen soll und dabei unauffällig die gespeicherten Fotos nach Nahaufnahmen von deutschen Produkten durchstöbern. So hält auch die deutsch-chinesische Freundschaft, die, wie wir von Merkel gelernt haben, wichtig ist für das deutsche Wirtschaftswachstum. Und wir haben alle was davon, denn wenn China so erfolgreich wird, dann braucht das Land mehr Öl, das steigert die Nachfrage und folglich wird es teuer. Dann können wir armen Deutschen gar nicht mehr mit 200 Sachen über die Autobahn brettern, weil der Sprit zu teuer ist. Und keiner näht mehr unsere H&M-Klamotten für 20 Cent die Stunde.
Wir Deutschen haben unseren Wohlstand ja auch durch eigene Kraft geschafft, mit ein ganz klein wenig Finanzhilfe der Amis vielleicht, gut. Naja, und das Wirtschaftswunder wurde auch nur durch die Waffenproduktion für den Korea-Krieg ausgelöst. Aber geklaut haben wir nicht! Wir laden vielleicht illegal Musik und Filme aus dem Internet, orientieren uns an amerikanischen, englischen und holländischen Serienformaten, haben den einen oder anderen Krieg angezettelt und versucht, die Weltherrschaft an uns zu reißen, aber wir haben nie chinesische Dinge kopiert! Beim Porzellan vielleicht, aber das ist nicht bewiesen.
Nachtrag: Bin über diese Spionage sehr aufgebracht. Sah Chinesen in der Mensa, der Hackfleischbällchen fotografieren wollte. Bestimmt, um sie nachzukochen! Schrie ihn an, er solle nicht urdeutsche Rezepte klauen. Er zeigte auf das Schild über der Ausgabe: „Heute: Köttbullar“. Mist.
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2 Gedanken zu “Der neue Feind

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