#FrauFlieder

Ich habe vor Kurzem geheiratet. Die Frage, die mir oft vor der Hochzeit gestellt wurde: Behälst du deinen Namen? Vor 10, 20 Jahren hätte das vermutlich gar nicht zur Diskussion gestanden. Da war klar: Die Frau nimmt den Namen des Mannes an. Egal, ob frau danach statt „Sonnenschein“ „Kryzinzikomski“ heißt oder einen Nachnamen bekommt, der sich mit ihrem Vornamen schlimm beißt. Insofern freute ich mich über die freie Entscheidung.

Am 1. April 1994 trat das neue Familiennamensrechtgesetz in Kraft. Seitdem müssen sich Verlobte nicht mehr für einen gemeinsamen Ehenamen entscheiden und können  gleichberechtigt darüber diskutieren, wie sie nach der Trauung heißen möchten. Über 90 Prozent entscheiden sich dabei für den Namen des Mannes. 

In meinem Umfeld gibt es viele Frauen, die ihren Namen behalten haben. Das liegt daran, dass die meisten die 50er Jahre weit hinter sich gelassen haben, sich im Beruf im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen gemacht haben und diesen nicht eintauschen wollen und/oder den Namen als Teil ihrer Identität empfinden. Das kann ich nachvollziehen. Mein Blog heißt nunmal sarawesterhaus.com und kann auch nicht einfach umbenannt werden. Wenn man „Sara Westerhaus“ googelt, findet man alle Artikel, die ich in den letzten Jahren – fast Jahrzehnten – geschrieben habe. Warum sollte ich das aufgeben? Und ist das nicht unfeministisch?

Einige Freundinnen und Bekannte nahmen nach der Hochzeit den Namen des Mannes an, obwohl sie als Familiennamen eigentlich ihren Namen lieber gehabt hätten. In diesen Fällen war es dann aber fast immer der Mann, der dagegen war („Weil man das eben so macht“). Manche nahmen den Namen auch selbst einfach so an, ohne groß darüber nachzudenken. Beides finde ich sehr schade.

Neben der Statistik und den Erfahrungen im Freundeskreis zeigt auch die Recherche in Foren: Wirklich angekommen ist die Gleichberechtigung in den Köpfen noch nicht. Und das gilt auch für Frauen, die es als „unmännlich“ ansehen, wenn der Mann den Namen der Frau annimmt:

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Warum dann #FrauFlieder?

Persönlich kann ich nur sagen, ein „neuer“ gemeinsamer Familienname macht für mich den Schritt in eine eigene Familie deutlich, deswegen bin ich für den gleichen Nachnamen. In meinem Fall gewann der Name des Mannes, weil er a) einfach schöner ist und b) weil außer mir und meinem Vater niemand in der Familie meinen alten Namen trägt (wegen neuer Ehen und weil ich Einzelkind bin). Ich fand es aber auch etwas mühsam, dass ich das vor meinen feministischen Freunden rechtfertigen musste, denn die Entscheidung war lange überlegt und hatte ja gute Gründe.

Wie ist es nun, ein paar Wochen mit dem neuen Namen? Es ist schön, aber auch neu und ungewohnt. Am Telefon melde ich mich regelmäßig mit: „Sara Westerhaus, äh, Flieder.“ Beim Schreiben läuft es nur wenig besser:

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Dazu kommt, und das ist wirklich noch viel nerviger, als ich dachte: Man muss alle Ämter, Versicherungen, Ärzte, Banken, Vermieter usw. anschreiben. Die brauchen teilweise noch Bescheinigungen unterschiedlichster Art. Insgesamt hat es mich viele Anrufe, Briefe, Recherche, Mails und Nerven gekostet, bis alles umgestellt war. (Ironischerweise war das vermutlich früher weniger anstrengend, weil da nicht die Frau den ganzen Papierkram mit Banken und Wohnung gemacht hat…)

Nun bin ich damit aber fast durch und freue mich über den neuen Familiennamen.  Flieder scheint mein Umfeld jedoch fast noch mehr zu begeistern als mich. Während ich damit eher die Hochzeit verbinde, werden vor allem meine Kolleg*innen sehr kreativ.

  • Vorgeschlagene Babynamen, obwohl gar kein Baby im Anmarsch ist: Jasmin, Rosa, Flora, Lila.
  • Wortwitze: Flieder, Freude, Eierkuchen. Fliederwochen. Die Fliedders.
  • Mögliche alternative Berufe: Groschenroman-Figur, Kinderbuchautorin, und, na klar: Floristin.

Was also machen mit dem Namen?  Das, was dich und euch glücklich macht. Vielleicht war genau das ausschlaggebend: Niemand hat mich gezwungen und ich hab es gern getan.

 

 

Hochzeitswahnsinn

Es gibt gefühlt 100.000 Bücher, Pinterestposts und Instastories über Hochzeiten und Hochzeitsvorbereitungen. Meist sind sie rosa illustriert und umfassen alle Klischees, die es rund um den „schönsten Tag im Leben“ gibt. Weil es offenbar Ziel jeder Frau ist, unter die Haube zu kommen und an dem Tag Prinzessin sein zu dürfen. Das klingt alles toll und nach Traumhochzeit.

Was das aber mit den Frauen macht, wird mir erst jetzt klar, wo ich selber in den Vorbereitungen stecke. Als ich den Termin zur Anprobe des Kleides machen wollte, hieß es gleich: „Dann dürfen Sie bis dahin aber nicht mehr abnehmen!“ Ich war ziemlich überrascht, weil ich davon gar nichts gesagt hatte. Gestern bei der Anprobe hab ich nachgefragt, ob es der Normalfall ist, dass Bräute zur Hochzeit abnehmen wollen. Die Schneiderin meinte, 95 % der Kundinnen wollen 5-6 Kilo abnehmen. Als ich nach 15 Minuten fertig war – nichts zu beanstanden, alles noch kurz abgesteckt und mit genug Spielraum in der Korsage, um Platz für Hochzeitstorte zu lassen), war sie total begeistert, weil meine Anprobe so einfach war. Die Kundin vor mir (die ich kurz noch gesehen habe; etwa 25 Jahre alt, 1,75 m groß und sicher nicht über 55 kg schwer) wäre drei Stunden zur Anprobe da gewesen. Die Mutter habe dauernd gesagt, wie schwabbelig sie an einigen Stellen sei und dass das Kleid die Problemzonen betonen würde. Man sähe die Falte an den Achseln (!!!). Die junge Frau habe weinend bei der Anprobe gestanden und die Schneiderin hat die Anprobe dann abgebrochen, weil sie die Situation einfach nicht mehr ertragen konnte und die Braut erlösen wollte.

Wenn man weiter auf Instagram und Pinterest nach Hashtags zum Thema Hochzeit guckt, findet man unzählige Diätratgeber und Anweisungen, wie man in Form kommt. Yay, damit man dann weinend sein Kleid ändern lassen muss, weil man es nicht geschafft hat, genug abzunehmen? Oder später die Bilder ansieht und denkt: Geil, für ein paar Wochen war ich dünn und sah so aus, wie ich vorher und nachher nicht aussehe? What the hell??
Der Bräutigam hat übrigens in dieser Welt genau 2 Aufgaben: Den Antrag machen und sich beim Junggesellen-Abschied mal so richtig abzuschießen. Danach ist der Spaß ja vorbei, während ich von vielen Frauen nach der Hochzeit höre: Juhu, endlich darf ich wieder essen.

Zwischen Yeah! und What?

Vor ein paar Wochen habe ich berichtet, dass ich bald einen Programmierkurs machen werde. Mit dem wenigen Vorwissen, dass sich darauf beschränkt, einen Text im HTML-Modus fett zu machen, startete ich in den Kurs. Mittlerweile habe ich die dritte Doppelstunde „Web Development“ mit Moinworld hinter mir.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich die ersten 5 Wörter Englisch lernte, stolz wie Oskar war und zugleich merkte: Der Weg, diese neue Sprache wirklich zu lernen, wird verdammt hart und lang. Da ist auf der einen Seite die Begeisterung, zusammen mit anderen, fabelhaften Frauen zu lernen, wie eine Website aufgebaut ist und wie man die Zeichenkolonnen in grafische Elemente umwandelt, die tatsächlich online sind. Dann der Spaß, wenn ich mich mit Kolleg*innen aus der IT über deren Anfänge mit HTML und CSS austausche. Aber eben auch auf der anderen Seite: Die Erkenntnis, dass ich Jahre bräuchte, um diese Sprache auch nur im Ansatz zu verstehen. Bei allen Frustmomenten überwiegt aber die Faszination über den strikt logischen Aufbau der Befehle, die weltweit einheitlich sind.

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Nach den Doppelstunden bin ich jedes Mal ziemlich geschlaucht von dem neuen Input – ein lockeres Hobby ist der Kurs nicht. Aber der Einsatz lohnt sich definitiv! Wer auch Interesse an dem Kurs hat: Im Beitrag von 80 Euro sind 5 Unterrichtsstunden à 90 Minuten enthalten. Jeder Kurs startet jeden Monat wieder neu, so dass du jederzeit wieder einsteigen oder weitermachen kannst. Am Ende jeden Kurses hast Du eine Website online, die Du der Welt zeigen kannst und eine Bescheinigung über Deine Teilnahme.

Meine Website findet ihr hier: https://saras-erste-website.firebaseapp.com/

The future is female? – Nicht in der IT-Branche

„Die IT-Branche braucht mehr weibliche Vorbilder“ schrieb die Zeit schon vor über einem Jahr und auch 2017 heißt es noch: „Das Silicon Valley ist männlich und weiß„. Nur 15 Prozent Frauen arbeiten in IT-Berufen. Und nur 23 Prozent Frauen studieren Informatik. Dabei werden Fachkräfte in dem Bereich händeringend gesucht: Laut Bitkom gibt es derzeit rund 41.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland. Gut bezahlt sind diese Jobs mit einem Anfangsgehalt ab rund 40.000 Euro auch. Führungskräfte mit Berufserfahrung bewegen sich sogar im Bereich zwischen 66.000-116.000 Euro. Klingt verlockend und zukunftsorientiert – und dennoch schrecken viele Mädchen und Frauen vor einer IT-Karriere zurück.

Eine, die das ändern will, ist Anja Schumann. Sie ist Vorstandsvorsitzende von Moinworld e.V., einer Non-Profit-Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Anteil der weiblichen Software Entwickler und Manager im IT Bereich auf 50 Prozent zu erhöhen. „Wir wollen die IT-Welt positiv verändern, in dem wir mehr Frauen und Mädchen für das Programmieren begeistern und sie in Ihrem Werdegang unterstützen“, erzählt sie in einem Interview. „Unsere Zukunft ist digital und Frauen und Männer sollten diese Zukunft gemeinsam gestalten können. Software verändert alle Bereiche, egal welchen man sich anschaut: Landwirtschaft, Automobilindustrie, Handel. Es wäre ein großer Vorteil, wenn ein größerer Teil der Bevölkerung diesen Code lesen und schreiben kann. Nicht nur, weil wir damit das Fachkräfteproblem lösen, sondern auch, weil wir alle wissen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse hervorbringen.“

Damit das gelingt, bietet sie verschiedene Programmierkurse für Frauen an: In 10 Unterrichtsstunden kann man WordPress, Web Development oder Python lernen. Die Kurse sind echte Schnäppchen und werden quasi zum Selbstkostenpreis von 80 angeboten.

Am Dienstag startet für mich der Selbstversuch: Ich wage mich ans Programmieren. Ich bin neugierig, wie es wird, denn auch, wenn ich recht technikaffin bin, beschränkt sich das bisher doch eher auf die Anwendung. Nützlich wird es aber allemal, weil ich danach besser verstehe, was mir meine IT-Kollegen erzählen – zwei von ihnen sind übrigens weiblich.

Wenn Joggen zum Spießrutenlauf wird

Oder: Was Sport mit Gleichberechtigung zu tun hat.

Nachdem ich ein paar Tage in Folge beim Laufen blöd angequatscht wurde, postete ich diesen Kommentar auf Facebook:

Da ich erst seit 10 Jahren mehrmals die Woche jogge, zweimal Marathon, fünfmal Halbmarathon und diverse andere Wettkämpfe lief und somit blutige Anfängerin bin, bin ich so unglaublich DANKBAR dafür, dass mich fremde Männer beim Joggen ansprechen und mir ungefragt wertvolle Tipps geben.

So wie heute, als mir ein Mann mittleren Alters riet, niemals stehen zu bleiben (und stattdessen über die rote Ampel zu laufen, an der ich stehen blieb und ihn einige Meter weiter locker überholte, woraufhin er tief getroffen ein „Ohhh…“ von sich gab.) Oder so wie gestern, als ein Mittfünfziger mich aufklärte, dass ich „es nicht nötig habe, Sport zu treiben“, da ich ja „so eine gute Figur“ habe.

Morgen gegen 11 Uhr werde ich an der Alster laufen und würde mich über weitere hilfreiche Bemerkungen zur Optimierung meines Körpers freuen.

Ich laufe übrigens einen Schnitt von 5 Min/km. Wem das zu schnell ist, darf Bemerkungen auch gern in die Kommentare posten.

Nahezu alle Kommentare waren positiv und da der Post von mir die eher lustigen Erlebnisse abbildet, verwundert das nicht. Ein Bekannter schrieb aber darunter:

Wow! Die Sara Westerhaus kann es! Ist schnell und schön. Und schön schnell. Gut, dass nun alle es wissen, die es bislang nur gahnt haben, wie schnell und gut sie ist. Wow!

Da wurde mir wieder klar: Da hat es jemand so gar nicht verstanden. Es ging nicht eine Selbstbeweihräucherung (dann hätte ich ein halbnacktes Selfie und meine Bestzeit posten können), sondern darum, dass ich verdammt noch mal einfach in Ruhe laufen will.

Die blöden Sprüche an der Ampel sind nur die eine Seite. Die andere Seite ist nicht im Ansatz lustig. Und noch weniger sind es die Reaktionen darauf. Die andere Seite ist: Verfolgt und begrapscht werden. Nicht in in Ausnahmefällen, sondern in der Regel.

Beim Strandurlaub wurde ich beim Joggen TÄGLICH verfolgt. Männer und Jungs liefen neben mir her und riefen mir Sprüche zu. Beim Joggen in Spanien, wo ich mehrmals Urlaub machte und viel joggen ging, fuhren Männer – oft in Gruppen – im Schritttempo neben mir her, hupten und forderten mich auf, einzusteigen. Beim Joggen im konservativen Münster war es an der Tagesordnung, dass mir hinterher gehupt wurde. Radfahrer fahren neben mir her und rufen anzügliche Dinge. Einer fuhr sogar an mir vorbei und schlug mir währenddessen auf den Hintern.

Es nervt. Es frustriert. Und trotzdem weiß ich: Ich bin immerhin eine Frau, die sich wehrt. Die weiß, dass das Verhalten der Männer nicht ok ist und die es gegebenenfalls ignoriert. Die Likes für einen Post bekommt, wenn sie sich über die Sprüche aufregt. Und in den Ausnahmefällen, in denen mir Männer gesagt haben, ich solle „das doch als Kompliment auffassen“, wenn mir hinterhergepfiffen wird (WTF?!), fange ich eben eine Diskussion an.

Viele junge Mädchen und auch Frauen haben den Mut aber vielleicht nicht. Weil sie in Gesellschaften aufwachsen, in denen Frauen und Mädchen eh schon keine Rechte haben. Oder weil sie sich eh schon zum Sport überwinden müssen, weil sie sich in ihrem Körper vielleicht nicht so wohlfühlen. Weil die Sprüche vielleicht keine netten sind, sondern Beleidigungen. Und diese Frauen und Mädchen trauen sich dann vielleicht nicht mehr, in der Öffentlichkeit Sport zu machen.

Blogparade #ichliebemeinenJob

Ich bin Referentin für Online-Kommunikation bei einer internationalen Nichtregierungsorganisation. Kein Berufswunsch, den ich schon als Kind hatte. Denn: Online gab es noch nicht wirklich und was NGOs überhaupt sind, wusste ich auch nicht. In der Rückschau allerdings wird mir bewusst, dass ich nicht nur ständig meine Nase in Bücher gesteckt, sondern auch viel geschrieben habe. Eine Leidenschaft für Kommunikation wurde mir auch schon in der zweiten Klasse bestätigt, als es im Zeugnis hieß: „Sara konnte ihren Äußerungsdrang nicht immer steuern“ – diesen Euphemismus für „Das Kind kann seinen Schnabel nicht halten“ werde ich wohl nie vergessen.

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Der wurde mir mal mehr, mal weniger zum Verhängnis, denn die Kombination mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn führt dazu, dass ich mich häufiger mal mit Lehrer*innen in die Haare bekam, wenn diese Mitschüler*innen unfair behandelten. Bis ich allerdings bei meinem jetzigen Job landete, dauerte es doch noch etwas.

Nach dem Abi machte ich zunächst eine Ausbildung zur Mediengestalterin für Digital- und Printmedien – das Wort „Digital“ deutete schon die Richtung an. Nachdem ich meine Ausbildungszeit aber hauptsächlich damit verbringen musste, Etiketten von Wurstverpackungen zu designen, wurde mir schnell klar, dass ich mich inhaltlicher austoben will. Also entschied ich mich, Soziologie zu studieren. Da ich gern nach Münster wollte, musste ich ein zweites Studienfach wählen. Hier spielte dann der Zufall (und das Internet) eine große Rolle: Da ich wirklich und wahrhaftig keinen PC zuhause hatte, musste ich die Online-Bewerbung bei einer Freundin machen. Dort sollte ich das Zweitfach anklicken, von dem ich bisher noch nichts gewusst hatte. Erziehungswissenschaften? Deutsch? Religion? BWL? Alles nicht so meins, also klickte ich ohne viel Vorwissen, was mich genau erwartet, auf  Politikwissenschaften. Beruflich gesehen, eine der besten Entscheidungen meines Lebens! Das Studium war anspruchsvoll, aber unglaublich spannend. Und auch wenn es platt klingt: Die Erkenntnisse haben mich wirklich geprägt.

Je weiter das Studium voranschritt, desto klarer wurde mir: Ich habe meine Berufung gefunden. Ich arbeitete ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, bei Greenpeace und später bei der Aidshilfe. Im Studium fokussierte ich mich auf den Schwerpunkt NGOs, Arbeitsmarktpolitik und politische Soziologie.

Mittlerweile waren StudiVZ und MySpace schon wieder von der Bildfläche verschwunden. Dafür hielten Twitter, Facebook und Blogs Einzug in meinen Alltag. Das fand ich so spannend, dass ich in meiner Masterarbeit untersuchte, ob NGOs durch soziale Netzwerke ihr oft beklagtes Demokratiedefizit – da sie nicht von der Bevölkerung gewählt sind – ausgleichen können. Eine komplexe Fragestellung, die mit einigem Abstand und der Entwicklung der sozialen Netzwerke mittlerweile sicher anders beantwortet werden müsste.

Nach dem Abschluss konnte ich meine Theorie in der Praxis überprüfen. Nach einem Jahr als Projektmitarbeiterin in der FH Münster fing ich bei Greenpeace als Web-Campaignerin an und begleitete verschiedene Kampagnen online. Ohne journalistische Ausbildung, aber mit jahrelanger Erfahrung als Bloggerin und ehrenamtlicher Greenpeace-Sprecherin in Münster war der Sprung ins Wasser damit immerhin lauwarm – und beim Schwimmen wird einem ja eh warm. Nach drei Jahren mit vielen spektakulären Aktionen, einigen Nachtschichten und viel neuem Wissen wechselte ich im Dezember 2014 zu Plan International Deutschland und bin seitdem dort als Referentin für Online-Kommunikation für alles rund um News und Social Media zuständig.

Die Frage „Liebst du deinen Job?“ würde ich also mit „Ja“ beantworten. Warum? Weil ich durch meine Arbeit die Welt verbessern kann, weil ich im Job viel lesen und schreiben darf und im ständigen Austausch über die sozialen Netzwerke bin. Das ist manchmal anstrengend, aber immer wieder spannend. Und jetzt muss ich los zur Arbeit 🙂

Befristete Jobs: Warum Unternehmen endlich damit aufhören sollten

Ein Arbeitsvertrag über zwei Monate, verlängert um noch einmal zwei, übergehend in eine Elternzeitvertretung und im Anschluss ein halbes Dutzend weitere Befristungen – alles bei einem einzigen Unternehmen. Eine Ausnahme? Nein, leider der Regelfall – zum Schaden von Mitarbeiter*innen und Arbeitgebern.

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Von Befristung zu Befristung

Wenn es ein Merkmal unserer Generation gibt, dann das der Ordner mit den Arbeitsverträgen oft dicker ist als der mit den Verdienstabrechnungen. Zumindest für Geisteswissenschaftler ist es der Normalzustand, dass nach dem Studium eine Befristung die nächste jagt. Ein Zweijahresvertrag gilt schon als Luxus. Das betrifft nicht nur Krankheits- oder Elternzeitvertretungen, sondern dehnt sich auch auf normale Beschäftigungsverhältnisse aus. Rein rechtlich ist das verboten: Ohne sachlichen Grund darf ein Vertrag nur dreimal innerhalb einer Zweijahresfrist verlängert werden. Viele Unternehmen finden aber Mittel und Wege, das zu umgehen oder ignorieren es schlicht – und gerade Berufsanfängern bleibt oft keine andere Wahl, als sich auf das Spiel einzulassen. Doch warum nutzen Unternehmen die wiederholte Befristung überhaupt? Für mich steht fest: Langfristig schadet es den Unternehmen, ihren Mitarbeitern immer wieder neue Verträge zu geben.

1. Zwischen zwei Stühlen

Das Absurde an Arbeitsverträgen, die nur ein paar Wochen dauern, ist: Man unterschreibt sie und muss zeitgleich beim Arbeitsamt melden, dass man wieder arbeitssuchend ist. Denn wer keine Nachteile beim Arbeitslosengeld I bekommen will, muss sich mindestens drei Monate vor Vertragsende beim Arbeitsamt melden. Der Kopf kann nicht bei einem Projekt sein, wenn der Hinterkopf sich schon um Bewerbungen und Papierkram mit dem Arbeitsamt kümmern muss. In der Folge heißt das: Viele Mitarbeiter sind so oft hintereinander befristet, dass sie zwar mehrere Jahre bei einem Unternehmen angestellt, aber dauerhaft arbeitssuchend gemeldet sind. Wer konzentrierte Mitarbeiter haben will, sollte ihnen eine Perspektive bieten.

2. Verlust von Wissen für das Unternehmen

Insbesondere im ersten halben Jahr muss ein Unternehmen eine neue Mitarbeiterin oder einen neuen Mitarbeiter erst einmal einarbeiten. Bis man alle Abläufe und Strukturen in einem Unternehmen kennt, dauert es eben. Und gerade erfahrene Mitarbeiter sind wertvoll für ein Unternehmen. Gehen sie schnell wieder, verschwindet auch viel Expertise. Chefinnen und Chefs sollte klar sein: Winkt Mitarbeitern irgendwo ein Vertrag, der unbefristet ist oder wenigstens auf mehrere Jahre befristet ist, verlassen sie den Job für den, der ihnen mehr Sicherheit bietet.

3. Unsicherheit auch im Privatleben

Eine Wohnung zu mieten ist fast aussichtslos: Vermieter wollen feste Verträge sehen. Und: Wo sollte man überhaupt eine Wohnung mieten, wenn eh nicht klar ist, wie lange man noch in dem Stadtteil oder der gar der Stadt arbeitet? Aus dem Koffer zu leben und nach der Arbeit noch nach weiteren Zwischenmietlösungen suchen, zerrt an den Nerven. Von Arbeitnehmern wird gerade bei kurzfristigen Verträgen verlangt, innerhalb von ein bis zwei Wochen die neue Arbeitsstelle anzutreten. In Großstädten wie Hamburg, Berlin, Köln oder München – also da, wo besonders viele Jobs im atypischen Beschäftigungsverhältnis sind – wartet der Wohnungsmarkt nicht gerade auf Neuankömmlinge ohne festen Job. Es ist deswegen keine Seltenheit, dass man wochenlang bei Freunden auf dem Sofa schlafen muss – übernächtigte Mitarbeiter mit mangelnder Privatsphäre bringen sicher nicht die kreativsten Ergebnisse.

4. Planung? Ja, bis zur nächste Woche

Arbeitsverträge, die so kurz sind und keinerlei private Planung zulassen, haben für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitreichende Konsequenzen: Oft umfasst etwa der Urlaubsanspruch nur wenige Tage, so dass ein längerer Urlaub am Stück unmöglich wird und irgendwann die Kraft für die Arbeit zur Neige geht. Das kann man kurzfristig durchhalten, aber nicht über Jahre. Schwierig wird es vor allem für Paare, noch schwieriger für Paare in Fernbeziehungen. Und wer nicht weiß, ob er im nächsten Monat noch einen Job hat, denkt erst recht nicht an Kinder. Klar, dass qualifizierte Mitarbeiter dann schnell das Weite suchen, auch wenn es ihnen grundsätzlich im Job gefällt.

5. Fehlende Wertschätzung der Mitarbeiter

Wertschätzung ist für viele Arbeitnehmer eine größere Motivation als das Gehalt. Bei kurzen Verträgen kommt sie aber viel zu kurz. Hier habe ich schon alles erlebt: Erste Arbeitstage, ohne dass ein Schreibtisch vorhanden war oder eine Mail-Adresse eingerichtet wurde. Einarbeitungsrunden, an denen nur Festangestellte teilnehmen, weil die Projektmitarbeiter schlicht vergessen wurden. Arbeitsverträge, die erst einen Monat nach Beginn des Arbeitsverhältnisses vorlagen. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack, nicht gut behandelt worden zu sein – nicht gerade förderlich für den Ruf eines Unternehmens, gerade in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit groß geschrieben wird.